Ulrich H. J. Körtner: Vergängliche Schöpfung. Schöpfungsglaube und Gottvertrauen in der Klimakrise, Leipzig: Evang. Verlagsgesellschaft 2024, 144 S., 18 €. ISBN 978-3-374-07634-5.
Wem der kirchliche Moralismus in Sachen Umweltethik Bauchschmerzen bereitet, darf zur Linderung nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Ulrich H. J. Körtner ist vor diesem Missgeschick gefeit und reinigt zudem das Kind von einem Bade, das ihm gar nicht gutgetan hatte. Christliche Umweltverantwortung – das „Kind“ – gewinnt ihr Profil durch ein Differenzieren zwischen Erhaltung und Erlösung, futurum und adventus, Vorletztem und Letztem, Naturabhängigkeit und schlechthinniger Abhängigkeit. Ermöglichungsgrund solchen Differenzierens ist die biblisch bezeugte Offenbarung: Erst vom subjektiv erfahrenen und geglaubten göttlichen Ja in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi her wird die Welt als Schöpfung deutbar und „in all ihrer Ambiguität transparent für Gott“ (40).
Die Begriffe „Natur“ und „Schöpfung“ gehören unterschiedlichen Sprachspielen an, die komplementär sein mögen, aber nicht synthetisiert werden können. Sonst verdünnt sich der Schöpfungsbegriff und dient nur noch zur religiösen Erhöhung der Natur. Der Schöpfergott wiederum „verflüchtigt sich“, fungiert bestenfalls „als Verstärker umweltethischer Appelle“ (7), die auf solche Schützenhilfe auch verzichten könnten. Eine derart verwässerte Schöpfungssemantik sollte im Interesse des „Kindes“ besser ausgeschüttet, und christliche Umweltverantwortung mit anderen Wassern gewaschen sein!
Dann hofft sie auf den Schöpfer und weiß zwischen dessen Werk und menschlicher Zuständigkeit zu unterscheiden. Abgesehen davon, dass „Erschaffung und Erhaltung der Welt in einem zukunftsoffenen, dynamischen Prozess miteinander verwoben“ (35) sind und also an keiner bestimmten Stelle konserviert werden können, ist der Bestand der Welt (wozu auch die bleibende Gültigkeit der Naturgesetze gehört!) nach Genesis 8,22 Gottes Sache. Der Mensch kümmert sich als „Gärtner“ nicht um den Kosmos, sondern um einen begrenzten und im Übrigen schon zur Kultivierung bestimmten Bereich. Seine Entscheidungen fallen diesseits von Eden angesichts strittiger Faktenlagen, zahlreicher Deutungsmöglichkeiten und eines „Pluralismus an ethischen Begründungsmodellen“ (79), wie Körtner anhand von Klimawandel und Globalisierung darlegt.
Christliche Verantwortungsübernahme gründet deshalb nicht in moralischen Appellen (welche Eindeutigkeit und Gewissheit suggerieren, wo es keine gibt), sondern in der „Rechtfertigung des Sünders“ (136), die uns als Kreatur unter Kreaturen auf die Erlösung hoffen lässt und in unserem begrenzten Zuständigkeitsbereich „Mut zum fraglichen Sein“ (11, 68, 130) schenkt. Wie das konkret aussehen könnte, zeigt Körtners Diskussion einer biblisch inspirierten Land(nutzungs)ethik. Sie rundet ein aus Vorwort, Ausklang und vier ursprünglich unabhängig voneinander veröffentlichten bzw. vorgetragenen Kapiteln bestehendes Büchlein ab, dessen Lektüre unsere Rede von der Schöpfung theologisch auf Hochglanz zu bringen vermag.
Dekan Dr. Christoph Glimpel, Neulingen
GND 1130811263
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–3
