Ulrich Heckel: Schrift – Kirche und Ökumene – Schöpfung. Neue Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht

Ulrich Heckel: Schrift – Kirche und Ökumene – Schöpfung. Neue Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht, Leipzig: Evan­gelische Verlagsanstalt 2024, 299 S., 98 €, ISBN 978-3-374-07703-8 // eISBN (PDF) 978-3-374-07704-5.

Mit diesem Aufsatzband hat der frühere theo­logische Dezernent und Oberkirchenrat der württembergischen Landeskirche und außerordentliche Professor der Universität Tübingen Ulrich Heckel einen weiteren Beleg erbracht, wie sehr die ntl. Wissenschaft und Forschung seinen kirchenleitenden Dienst geprägt haben und wie dieser wiederum sein exegetisches Arbeiten inspiriert hat. Bei den elf Artikeln handelt es sich in formaler Hinsicht um sehr unterschiedliche Beiträge, die für verschiedene Kontexte und Arbeitsaufträge erarbeitet wurden.

So stellt der erste Beitrag über „Die Heilige Schrift im Gottesdienst“ die erweiterte Form von H.s Einführung in die Stuttgarter Erklärungsbibel dar, die H. selbst mit herausgegeben hat und die sich an eine breitere, theologisch interessierte Leserschaft richtet. An dritter Stelle steht ein ausführlicher exegetischer Artikel über den Gegensatz des alten und neuen Bundes bei Paulus und im Hebräerbrief, der auf einen Vortrag im Theologischen Ausschuss der VELKD für das Gespräch im Rahmen des jüdisch-christlichen Dialogs im Blick auf die Frage eines ntl. Antijudaismus zurückgeht. Hier begründet H., dass die mit dieser Unterscheidung implizierte Torakritik und die Qualifizierung des auf der Tora basierenden Sinaibundes als „alter Bund“ weder von Paulus noch vom Hebräerbrief antijüdisch verstanden werden wollten. Es geht bei diesem Gegensatz nie um eine Ablösung des Alten durch das Neue Testament, einer heilsgeschichtlichen Epoche durch eine andere, eines alten Bundesvolkes durch ein neues, von Juden durch Christen oder der Synagoge durch die Kirche. Es geht stets „um die soteriologische Alternative von Anspruch und Zuspruch, Gesetz und Evangelium, das als eschatologisch neue göttliche Heilssetzung in Christus die Tora vom Sinai zum alten Bund werden lässt“ (91).  

Die Reflexionen über die Ekklesiologie dür­fen nicht nur aufgrund der Verortung in der Mitte des Buches und des Umfangs (über 160 der 290 Textseiten), sondern auch aufgrund der theologischen Prägnanz als Mitte und Schwerpunkt des Buches gelten. Sie bildeten offensichtlich auch während seiner kirchenleitenden Amtszeit den Schwerpunkt des theologischen Wirkens von Ulrich Heckel. Dabei stechen die drei Beiträge über „Die sieben Kennzeichen für die Einheit der Kirche. Exegetische Impulse zu einer ökumenischen Theologie der Einheit nach Eph 4,1–6“, „Dass sie alle eins seien (Joh 17,21). Ephesus als Ort der ‚Ökumene‘ und die Einheit der Kirche im Johannesevangelium“ sowie „Das Amt und die Ämter. Neutestamentliche Entwicklungen und reformatorischer Schriftgebrauch“ hervor.

In mutiger kontrovers- und konfessions­theologischer Akzentsetzung macht H. im Licht einer tiefgründigen Exegese des Epheserbriefes deutlich, dass „das Amt“, „die Ämter“ und „die Amtsfunktionen“ nicht zu den wesentlichen Kennzeichen der Einheit gehören – von einer Ämterstruktur oder -ordnung ganz zu schweigen. Diese steht und lebt ausschließlich in der Verkündigung des Evangeliums (137.139), darf auch nicht mit Einheitlichkeit, Gleichförmigkeit, Uniformität oder gar einer einheitlichen Organisation verwechselt werden. H. widerspricht deshalb der Forderung des Vaticanum II nach einer „immerwährenden sichtbaren Einheit“, die im Primat des Papstes ihren Ausdruck findet (Lumen Gentium 18 und 23), und formuliert eine klare Sympathie für eine „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“, wie sie auf der 6. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes 1977 proklamiert wurde. „Die Weiterentwicklung zum dreigliedrigen Amt in der Alten Kirche ist eine Möglichkeit, aber nicht die einzige, wie das Nebeneinander unterschiedlicher Ämter(modelle) im Neuen Testament zeigt. Der Epheserbrief hält hier eine Vielheit offen“ (145). Die „Einheit der Kirche nach dem Epheserbrief [wird] niemals in einer irdischen Körperschaft aufgehen, sondern immer erst am Ende der Zeiten zu ihrem Ziel gelangen“ (151).

Im zweiten ekklesiologischen Artikel wendet sich H. dem Johannesevangelium als der zweiten ntl. Schrift zu, die sich mit dem Thema der Einheit auseinandersetzt. In einem Durchgang durch alle relevanten Belege (Joh 5, 56; 10,16; 11,51f; 17,21–23; 21,15–17) arbeitet H. heraus, dass auch im Johannesevangelium die Einheit der Gemeinde, die hier mit dem Bild der Herde bzw. der Schafe beschrieben wird, immer nur in Christus und der Beziehung zu ihm und davon abgeleitet auch mit den „Brüdern“ besteht und nicht mit Petrus oder gar dem Weideauftrag des Petrus verbunden ist: „Die Einheit der Kirche wird nicht an der Gestalt des Petrus festgemacht, sondern die Glaubenden werden zu einer Herde, indem sie auf die Stimme des einen Hirten hören (10,16) … Anfang und Grundlage für die Einheit der Kirche ist das Wort, das ‚am Anfang war‘ …, das in den Gläubigen bleiben soll und sie in ihm wie die Reben am Weinstock“ (179f). 

Erhellend ist am Ende des Beitrags der Vergleich der Einheitsaussagen des Johannesevangeliums mit jenen des Epheserbriefes. H. gelingt es hier einen hohen Grad an Übereinstimmung und Kohärenz herauszuarbeiten. So ist die Einheit der Gemeinde durchgängig eine Größe, die in Christus bereits existiert bzw. gemacht und geschaffen worden ist und nicht erst hergestellt, sondern nur bewahrt werden muss. In beiden Schriften wird die Einheit der Gemeinde als eine „Gemeinschaft der Glaubenden“ christologisch begründet, nicht institutionell oder organisatorisch (182f). Entsprechend sind auch in beiden Schriften die Ämter und Funktionen auf die Christusverkündigung ausgerichtet, nicht auf einen Herrschaftsauftrag, der allein Christus gebührt. „Für die Einheit der Kirche grundlegend und damit auch für die Ökumene maßgeblich ist bei beiden durch die metaphorische Umschreibung der Leitungsaufgabe das ‚Dass‘ einer Beauftragung zur Christusverkündigung, nicht das ‚Wie‘ einer Ämterordnung“ (187f). 

Etwas spekulativ mutet gelegentlich die etwas kühne, wenn auch gängige historische Interpretation beider Schriften an. H. verortet den Epheserbrief sehr spät im Jahr 90 n. Chr. und bestimmt ihn als Reflexion eines Paulusschülers im Blick auf die Einheit und den Zusammenhalt der paulinischen Kirchen im Mittelmeerraum nach dem Tod des Völkerapostels, der ein Va­ku­um hinterlassen habe. Dass es fast 30 Jahre nach dem Tod von Paulus noch Schüler gab, die ein noch bestehendes Vakuum füllen und mit einem pseudepigraphen Brief für die Kontinuität des Evangeliums sorgen wollten, bleibt eine Behauptung. 

Das Buch schließt mit einer schöpfungstheologischen und -ethischen Reflexion über den Kolosserhymnus (Kol 1,15–20). Dabei beklagt H., dass im konziliaren Prozess die Bewahrung der Schöpfung von der Gotteslehre in die Ethik gewandert ist und „sich von einem Gegenstand des Glaubens an den Schöpfer in eine Frage menschlichen Handelns verwandelt“ hat. Dagegen ist in der Bibel das „eigentlich handelnde Subjekt des Behütens und Bewahrens … aber nicht der Mensch, sondern Gott“ (279).

Das Schlusswort soll dem Schreiber des Vorworts, Kardinal Walter Kasper, gehören: „Heute sind viele mehr in die Diversität verliebt als an der Einheit interessiert.  Doch wenn alles ‚gleich gültig‘ ist, wird auch die eigene Position gleichgültig und irrelevant. Sich ausschließende Widersprüche lassen sich nicht versöhnen. Versöhnung ist ohne Bereitschaft zur Umkehr nicht möglich“ (6).

Prof. Dr. Volker Gäckle, Calw

GND 118122002 

erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–3