Timo Veijola: Die Weite der Bibel. Einsichten eines finnischen Alttestamentlers. Herausgegeben von Walter Dietrich und Marko Marttila (Biblisch-Theologische Studien 198), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 189 S., 69 €. ISBN: 978-3-525-56563-6.
Aufsätze, zum Teil aus den 80er Jahren von einem 2005 verstorbenen finnischen Alttestamentler? Warum werden die erst jetzt (übersetzt) vorgelegt? Nun, gleiches ließe sich zu den (freilich deutschen) Vorlesungen des Züricher Systematikers Walter Mostert fragen, der ja noch ein Jahrzehnt früher verstorben ist. Die Antwort ist aber die gleiche: theologische Literatur dieser Qualität muss einfach auf den gegenwärtigen Büchermarkt. Und: wenn es bereits Ähnliches gäbe, wäre es mir kaum entgangen.
Nun wird jeder seine eigenen Leib- und Magentheologen haben, aber für Timo Veijola muss ich eine Lanze brechen: von der Dissertation 1975 („Die ewige Dynastie“) bis zum ATD-Kommentar zum Deuteronomium (2005, leider nur der erste Band) schrieb er viele und gute Arbeiten auf Deutsch (die den Ruf der Göttinger Smend-Schule geprägt haben), aber Vieles und Gutes gab und gibt es bislang „nur“ in finnischer Sprache, die eben nicht jeder versteht. Veijola war nicht nur ein Mann der Wissenschaft, sondern auch seiner Kirche und hat mit Arbeiten, die eben nicht nur die schwere Rüstung von Literaturangaben und Fußnoten tragen, weit in seine Kirche hineingewirkt. Seine Belesenheit zeigt sich nicht nur in der Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Themen, sondern auch mit philosophischen; und auch der Kultur galt sein Interesse.
Kein Wunder, dass seit seinem frühen Tod durch seinen Kollegen und Freund Walter Dietrich (Prof. em. in Bern) und seinen letzten Promovenden Marko Marttila (lutherischer Dekan in der Diözese von Mikkeli) auch hierzulande weitere Schätze gehoben werden und wurden: „Offenbarung und Anfechtung“ (Göttingen 2007), „Leben nach der Weisung“ (Götttingen 2008), – und nun: „Die Weite der Bibel“.
Die Weite der Bibel umgreift Altes und Neues Testament, wie Veijola an der theologischen Bedeutung des Kanons aufzeigt (23ff), es geht ihm aber auch um die Weite, die man in den Blick nehmen muss, um das Alte Testament auszulegen; so zeichnet er in seiner Antrittsvorlesung in Helsinki 1985 (13ff) die Geschichte seiner Auslegung seit Wellhausen nach, berücksichtigt die ägyptischen und mesopotamischen Quellen, die Irrwege der Forschung (skandinavisch: Myth and Ritual; deutsch: Amphiktyonie), die Entstehung des nachbiblischen Judentums (samt der Schlüsselstellung der Deuteronomisten und der aus ihnen hervorgehenden Schriftgelehrten) bis zur Frage nach der Theologie des Alten Testaments, ja der christlichen Bibel überhaupt.
Die Ethik ist ein wichtiges Thema in der Arbeit Veijolas, so reibt man sich bei dem Vortrag „Liebe den Fremden wie dich selbst!“ (44ff) verwundert die Augen – 1993 gehalten? Auch die Arbeiten zu Schöpfung und Biotechnologie zeigen, dass sich Veijola im fernen Finnland klarsichtiger und früher zu Wort meldete als Zentraleuropa.
Von einem mittelalterlichen Fresko zum „Baum des Lebens“ (57ff) blickt er auf diesen Abschnitt der Paradiesgeschichte, erörtert „gut“ und „böse“ und vergleicht diese Geschichte mit dem Gilgamesch-Epos, um über Ben Sira, das Lieblingsbuch seiner letzten Jahre, wieder auf die Weisheit des Lebens zurückzukommen.
Ben Sira wird denn auch (97ff) als Vermittler zwischen den Kulturen angesehen, eine wichtige Schnittstelle zwischen hebräischem und griechischem Denken. Dass darüber hinaus auch noch eine fast schon humorvolle Studie zu finden ist, was der finnische Bildhauer Ville Vallgren mit Jesus Sirach zu tun hat, muss ich hier nicht verraten. Tolle, lege.
Drei Aufsätze beschließen den vielfältigen Band, indem sie auf die Wirkungsgeschichte der Bibel, insbesondere des Alten Testaments schauen. Literarische Nachlese eines Besuches in Lateinamerika ist die Darstellung der „Lectura Popular de la Biblia“ (147ff), die Bibel in der sog. Befreiungstheologie. Veijola nimmt wahr, urteilt nicht, sieht die Stärken, wundert sich bloß, dass die veröffentlichten Werke meist von traditionell ausgebildeten Exegeten stammen und nicht „von der Basis“. Sehr anregend dann „Marc Chagall und die humanen Werte des Judentums“ (137ff) mit großem Einfühlungsvermögen in Chagalls Kunst (und dessen Exegese!) – schade, dass die im finnischen Original noch vorhandenen farbigen Abbildungen in der deutschen Ausgabe weggefallen sind. Aber sie sind im Internet leicht zu finden.
Der letzte Aufsatz ist für Veijola, der einen wissenschaftlichen und einen allgemeinverständlichen Kommentar zu den Zehn Geboten schrieb, ein Herzensanliegen: der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowśki setzte die Zehn Gebote in zehn Filmen um; Veijola spürt in seiner Analyse den Zehn Geboten in den Filmen nach – und das auf so spannende Weise, dass man Drehbuch und Film wieder ansehen möchte.
Und wessen Aufmerksamkeit nun geweckt ist, der greife zu dem monumentalen Werk Rudolf Smends „Kritiker und Exegeten“ (Göttingen 2017) und lese das Kapitel über Timo Veijola nach (948–982).
Dr. Siegfried Meier, Wetzlar
GND 129289647
