Bernd Brandl: Heinrich Coerper. Sein Leben und die Anfänge der Liebenzeller Mission. Interkulturalität & Religion/ Intercultural & Religious Studies. Liebenzeller Impulse zu Mission, Kultur und Religion, Band 9, Berlin: LIT Verlag 2024, 662 S., 44,90 €. ISBN 978-3-643-25134-3.
Mit der vorliegenden, über 500 Seiten starken Monografie legt der Kirchengeschichtler Bernd Brandl eine umfangreiche wissenschaftliche Biografie über den Gründer und langjährigen Leiter der Liebenzeller Mission, Pfarrer Heinrich Coerper (1863–1936), vor. Neben dem 2016 erschienenen Band von Helmuth Egelkraut zur „Liebenzeller Mission und dem Nationalsozialismus” ist dies ein weiterer wichtiger Beitrag zur historischen Aufarbeitung der Geschichte der Liebenzeller Mission. Coerper war ein wichtiger, jedoch von der bisherigen (Neupietismus-)Forschung unterschätzter Vertreter der deutschen Erweckungsbewegungen um 1900, den zu entdecken sich lohnt. Er war Lehrer an der Evangelistenschule Johanneum, Mitgründer der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) und stand in Kontakt zu Otto Stockmayer (1838–1917), Hudson Taylor (1832–1905) und Georg Müller (1805–1898).
Brandl beschreibt die Ursprünge der Familie Coerper in der zwischen deutscher und französischer Herrschaft umkämpften Pfalz recht ausführlich. Die Region hatte immer wieder unter der französischen Expansionspolitik zu leiden. Sein Elternhaus war von einem antifranzösischen Nationalpatriotismus geprägt, weshalb er zeitlebens immun war gegenüber Kritik am deutschen Nationalismus und den Anfängen des Nationalsozialismus (Kapitel 2, S. 29–50). Seine Studienzeit in Halle, Tübingen, Berlin, Bonn und Utrecht zeigt ihn als recht unsteten jungen Mann, der seine Bestimmung noch nicht gefunden hat (Kapitel 3, S. 51–91).
Gegen Ende seines Theologiestudiums kam es in Bonn zu einem Erweckungserlebnis bei dem Initiator der deutschen Gemeinschaftsbewegung, Prof. Theodor Christlieb (1833–1889). Dieser war ihm bis zu seinem frühen Tod ein wichtiger Mentor. Vor allem durch den Kontakt zu ihm entstand seine lebenslange Vernetzung im Kontext der Heiligungs-, Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung. Brandl stellt ausführlich Coerpers Dienstjahre dar: als Prediger und Stadtmissionar in Heidelberg, als Gemeindepfarrer in Essen und schließlich als Mutterhauspfarrer in Straßburg. In dieser Zeit knüpfte er viele Kontakte, unternahm eine Reihe von Reisen und geriet immer wieder mit seinen Kollegen in Konflikt wegen seiner drängerischen Heiligungs- und Bekehrungsfrömmigkeit (Kapitel 4–6, S. 93–215).
Die fast 200 Seiten starken Kapitel 7, 8 und 9 (S. 217–416) bilden den Schwerpunkt des Buches. Sie beschreiben die Rolle Coerpers als Leiter des deutschen Zweigs der China-Inland-Mission in Hamburg bis zu den Anfängen der Liebenzeller Mission im Schwarzwald. Brandl schildert äußerst detailreich die Beteiligung Coerpers bei der Gründung des deutschen Zweigs der China-Inland-Mission, die damit einhergehenden Zerwürfnisse, die logistischen Probleme des Werks, die erste Ausbildung von Missionaren und Missionarinnen – die Frauen spielen in der Geschichte der Liebenzeller Mission eine bedeutende Rolle –, den Aufbau von Strukturen und die damit verbundenen juristischen, finanziellen und familiären Herausforderungen. Ebenso werden die Verselbstständigung des deutschen Zweigs der China-Inland-Mission unter Coerper sowie die Anfänge und das enorme Wachstum der Liebenzeller Mission in Württemberg trotz Anfeindungen seitens des landeskirchlichen Protestantismus, der Basler Mission und des älteren Pietismus im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dargestellt.
Es folgt ein rund 100 Seiten langes Kapitel über die Rolle Coerpers in den Krisenphasen der Evangelisations-, Heiligungs- und Gemeinschaftsbewegung sowie über die Anfänge der Pfingstbewegung in Deutschland (S. 417–479). Dabei werden auch Coerpers Nationalismus und Patriotismus im Ersten Weltkrieg (Kapitel 11, S. 481–518) sowie seine politische Haltung in der Weimarer Republik und die Kontaktaufnahme zu Adolf Hitler in Form eines einseitigen Briefwechsels thematisiert. Auch die Gründung der Gemeinschaftsverbände der Liebenzeller Mission und die damit verbundenen internen und externen „Konflikte und Kämpfe” werden beleuchtet (Kapitel 12, S. 519–564). Den Abschluss der Biografie bildet ein umfangreicher Epilog, in dem Brandl Coerper aus unterschiedlichen Perspektiven herausstellt und einordnet. Coerper wird darin als Vertreter der Heiligungs-, Heilungs- und Evangelisationsbewegung, als Theologe und Lehrer, als Mensch, Ehemann und Vater, als Beter, Seelsorger und Missionsleiter dargestellt und hinsichtlich seines Nationalismus und Patriotismus sowie seiner Rolle in Krisensituationen und Erfolgsphasen seines Lebens kritisch gewürdigt (S. 565–580).
Bevor mit Kapitel 2 die eigentliche Biografie beginnt, ordnet Brandl diese in die bisherigen, ausschließlich werksinternen Biografien ein, die von 1936 bis 2003 publiziert wurden (S. 4–27). Diese Darstellungen werden von Brandl als hagiographisch eingeordnet, die das für das Liebenzeller Werk sinnstiftende Gründungsnarrativ formulierten und weitertradierten (S. 1–2). Darin wird Coerper in erster Linie als „Beter“, „Missionsvater“ und „Überwinder“ beschrieben, während die vielseitigen und teilweise widersprüchlichen Facetten seines Wirkens ausgeblendet bleiben. Damit liefert Brandl eine überzeugende Begründung für seine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Archivalien, darunter bisher unerschlossene Personalakten, Briefe und Tagebücher. Seine kritische Auseinandersetzung mit den hagiographischen Darstellungen sowie der wissenschaftlichen Literatur zur Gemeinschaftsbewegung bestätigt den Eindruck, dass eine wissenschaftliche Biografie über Heinrich Coerper angesichts des 125-jährigen Bestehens der Liebenzeller Mission im Jahr 2025 nicht nur eine Pflicht ist, sondern auch für die Historiografie der Gemeinschaftsbewegung notwendig ist. Dies zeigt sich unter anderem an seiner Auseinandersetzung mit und Kritik an den zum Teil unzutreffenden Darstellungen über Heinrich Coerper in zahlreichen Werken zur deutschen Gemeinschaftsbewegung.
Anders als die hagiographischen, höchst selektiven Gründungsnarrative möchte Brandl alle Lebensfacetten Coerpers abbilden, auch die herausfordernden und strittigen. An einigen Stellen gewinnt man jedoch den Eindruck, dass die frömmigkeitstheologische Prägung sowie Heinrich Coerpers konfliktträchtigen Heiligungs- und Bekehrungsvorstellungen – er war kein „systematischer Denker” (Manfred Jehle, S. 570) – für ein besseres Verständnis seiner Konflikte mit der Basler Mission, der württembergischen Pfarrerschaft und Landeskirche sowie den älteren pietistischen Kreisen ungreifbar bleiben (S. 131–138, 188–194, 303–313). Diese leichten Grenzen der Studie trüben jedoch nicht den wissenschaftlichen Gehalt der Biografie. Sie gewährt einen seltenen Einblick in das Leben und Denken einer Person der zweiten Leitungsgeneration der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung um 1900 und schließt damit im Kontext der stark vernachlässigten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Gemeinschaftsbewegung eine wichtige Forschungslücke.
Prof. Dr. Eduard Ferderer, Bad Liebenzell
GND 1257897179
