Daniel Rudolphi: Kirchengemeindefusion, Zwischen Zwang und Selbstbestimmung

Maria B. Lang: Praesentia Iesu Christi. Die Apostelgeschichte als christologische Erzählung (Herders Biblische Studien 98), Freiburg i. Br.: Herder 2022, 392 S., 75 €. ISBN 978-3-451-38898-9. 

Fusionen im landeskirchlichen Kontext sind nichts Neues, zunehmende Fusionsprozesse auf der Ebene lokaler Kirchengemeinden durch die Umstrukturierungen jedoch höchstaktuell. Sie beschäftigen sowohl Verantwortliche als auch Kirchenglieder. Unterschiedliche Publikationen der letzten Jahre haben dazu beigetragen, dass dieses bisher eher unterbelichtete Feld in der Praktischen Theologie stärkere Beachtung und Bearbeitung findet. Der Autor Daniel Rudolphi betont dabei den Aspekt der Selbstbestimmung in den Spannungen von Fusionsprozessen. Er ist seit Oktober 2022 als Referent im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zuständig für Religiosität und Weltanschauungen. Dieser Publikation liegt seine von der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universtität Göttingen angenommene Dissertation zugrunde. Die zwei Jahre und zehn Gemeinden umfassende Forschung im Grounded-Theory-Verfahren wurde durch Jan Hermelink betreut. Das zeigt zugleich die starke Verortung im Ansatz von Kirche als Organisation im soziologischen Sinn. Ebenso erschließen sich Linien durch Impulse des Neo-Institutionalismus, den der Autor als wesentliche Grundlage anführt (63). 

In der Analyse fließen Ergebnisse aus sieben Fu­sionsprozessen aus drei unterschiedlichen Lan­deskirchen ein. In den ersten der zehn Ka­pitel bildet Rudolphi zunächst den Rahmen durch die Darstellung von Forschungsstand und Erkenntnissen aus den Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften. Anschließend vertieft er durch die Perspektiverweiterung des Ansatzes des Neo-Institutionalismus die Ausrichtung auf die Umweltbedingungen. Der folgende kirchentheoretische Diskurs schließt an Ansätze von kirchlichen Orten, der Kirche der Freiheit und dem mehrdimensionalen Gemeindebegriff an und findet eine Betonung der Perspektiven von Ortsgemeinde, Parochie und regiolokaler Kirchenentwicklung. Diese Reflexionen zeigen für den Autor besonders ein Ringen um den Gemeindebegriff. Anschließend vertieft und konkretisiert er seine Forschungsfrage durch eine Vorstudie (94). Hierbei spielen die drei Themenkomplexe um Entscheidungsdruck, kirchliche Gebäude und Gemeindekulturen eine Rolle. Letztere werden im Prozessverlauf um so zentraler, je deutlicher wird, dass das Bewahren Synergieeffekte verhindert. Nach dem erläuterten methodischen Vorgehen werden die Aspekte des Prozessverlaufes in den Blick genommen. 

Dabei spielen Themen wie Krise, Widerstand, Fusionsgottesdienst und Konsequenzen von Fusionen eine Rolle. Der Autor stellt immer wieder fest: selbstinitiierte Kooperationen und Interaktionen – bereits vor der Fusion oder während – fördern den Prozess äußerst positiv. Grundlegend spielt in Prozessen jedoch Vertrauen die größte Rolle. Das gilt hinsichtlich analysierter Motive der Akteure (sowohl Kirchengemeinderätinnen und -räte als auch Pfarrpersonen), die von Entlastung und Bewahrung bis hin zur Qualitätsentwicklung als Zukunftsfähigkeit reichen und auch bei Verhandlungsmodellen und -inhalten. Hier werden Ursachen von Wi­derständen konkretisiert, was realistische Ängste benennt und von Fusionsgemeinden aufgegriffen werden kann, um sprachfähig zu werden. Abschließend benannte Gemeindebilder zeigen deren Ambivalenz besonders am Bild von Gemeinde als „zweites Wohnzimmer“, das sozial sowohl öffnend als auch gleichzeitig schließend wirkt. Wesentlich bleibt am Ende, dass Selbstbestimmung in der Wahrnehmung in allen Phasen einen wesentlichen Schlüssel darstellt, sowohl für Mitglieder des Kirchengemeinderats als auch für Pfarrpersonen. Eine positive Wahrnehmung fördert hierbei Motivation für weitergehende Interaktionen. Etwas unterbelichtet bleiben weitere Handlungsoptionen hinsichtlich der Fusionen als „hoch emotionales Ereignis“ (14). Neu ist dabei nicht, dass Dynamiken von Identitätsbildungsprozessen hervorgerufen werden. Interessant und für den Autor wenig auffällig scheint der Zusammenhang von Emotionalität und Spiritualität. In einzelnen Sequenzen wird dieser Zusammenhang deutlich (105), der jedoch nicht weiter gewürdigt wird oder als Ressource in den Blick kommt. 

Abschließend findet sich ein vergleichsweise knapp gehaltenes Literaturverzeichnis, das in konzentrierter Form die wesentlichen Quellen aufführt. Ermutigt werden Gemeinden, die sich aktiv und beständig mit dem „Außen“ beschäftigen und proaktiv handeln. Diese sind in ihrem Handeln – gerade auch in Netzwerken und Kooperationen – für weitere Entwicklungen, so scheint es, bestens vorbereitet.

Joachim Klein, Eppingen

GND 1337737410