Katrin Kusmierz, David Plüss, Angela Berlis (Hg.): Sagt doch einfach, was Sache ist! Sprache im Gottesdienst, Zürich: Theologischer Verlag 2022, 275 S., 36 €. ISBN 978-3-290-18293-9.
Dieser Sammelband veröffentlicht verschiedene Beiträge, die anlässlich einer Fachtagung im November 2018 als Vorträge gehalten wurden. Anlass für die Tagung „Sagt doch einfach, was Sache ist! Die Suche nach einer neuen Sprache im Gottesdienst“ war die Veröffentlichung des Autors und Politikberaters Erik Flügge im Jahr 2016, in der er die Sprache in Gottesdiensten scharf kritisierte. In der orientierenden Einleitung zum Grund und Aufbau des Sammelbandes weisen David Plüss und Katrin Kusmierz zurecht darauf hin, dass die Diskussion um kirchliche Sprache keineswegs neu ist und dennoch immer wieder geführt werden muss. Ebenso zurecht verdeutlichen sie allerdings auch, dass das Unbehagen an kirchlicher Sprache nie völlig aufgelöst werden kann, da sich in ihr Gotteswort und Menschenwort zu verbinden versuchen, aufgrund ihres kategorialen Wesensunterschieds jedoch immer in Spannung zueinander bleiben.
Wie ein fruchtbarer Umgang mit dieser Spannung aussehen kann, versuchen die Autorinnen und Autoren, die verschiedensten konfessionellen Hintergründen und Tätigkeiten entstammen, in den einzelnen Aufsätzen zu zeigen. Ziel des Bandes ist es, einen Beitrag zu einer „erneuerten und zeitgemässen Sprache im Gottesdienst, in den Gebeten und in der Predigt“ (7) zu leisten, den „Gründen für das Unbehagen“ an kirchlicher Sprache „auf die Spur zu kommen […] und Erträge für eine Glaubenssprache zu erarbeiten, „die genauer, ehrlicher und sachlicher ist, die sowohl kirchennahe als auch kirchenferne Menschen verstehen, die berührt und verändert, anregt und aufregt, die tröstet und befreit“ (9). Um dieses – freilich sehr hoch angesetzte – Ziel zu erreichen, werden vier Bereiche der Sprache thematisiert: Konturen liturgischer Sprache, Wirkkräfte liturgischer Sprache, Variationen liturgischer Sprache und Konturen der Predigtsprache.
Insbesondere die grundlegenden Aufsätze des ersten Teils – besonders hervorzuheben sind dabei die Beiträge von David Plüss und Alexander Deeg – zeugen von einer soliden Durchdringung der Ursachen für das Unbehagen an kirchlicher Sprache ebenso wie von einer Nähe zum Gottesdienstbesucher und seinem Verständnishorizont. Dabei berücksichtigen sie, dass sich die einführend erwähnte Spannung nie ganz auflösen lässt und ein gewisses Maß an Unbehagen sogar wünschenswert ist, weil es zur Reflexion anregt.
Die Aufsätze der folgenden Abschnitte erzeugen eine gewisse Ambivalenz. Zunächst kann man sich – mit Ausnahme der Beiträge zur Verwendung von Dialekt (Susanne Oberholzer) und zur leichten Sprache (Anne Gidion) – des Eindrucks nicht erwehren, dass oft eine spezielle Gruppe von Hörenden im Fokus steht, aber nur begrenzt darüber nachgedacht wird, welche Stellschrauben gedreht werden müssten, um Gottesdienste für eine breitere Gruppe Hörender verständlich, nachvollziehbar und alltagsrelevant zu machen. Dieser Eindruck verstärkt sich in den Beiträgen zur Predigtsprache, in denen vorausgesetzt scheint, dass Zuhörende grundsätzlich den Bildungsgrad und Verständnishorizont mitbringen, sich in ein vielstimmiges Gespräch mit den offen gehaltenen Denkvorschlägen der Predigt zu begeben oder kunstvoll gestaltete Redeformen zu rezipieren. Diese Kritik soll jedoch nicht überdecken, dass die Beiträge zur Predigtsprache auch wichtige homiletische Grundsätze wieder neu ins Gedächtnis rufen und dadurch predigende Personen herausfordern, die eigene Predigt- und Sprachpraxis immer wieder kritisch zu hinterfragen und zu verändern.
Bei aller Ambivalenz des Leseerlebnisses und wechselnden Qualität der Beiträge muss festgehalten werden, dass dieser Sammelband auch gerade durch diese Ambivalenz erreicht, was auch die unauflösbare Spannung kirchlicher Sprache erreichen soll: Unbehagen hervorrufen, das zum Nachdenken anregt und zur Reflexion über den eigenen Standpunkt einlädt.
Henrik Homrighausen, Oberstdorf
GND 1286784603
