Maria B. Lang: Praesentia Iesu Christi. Die Apostelgeschichte als christologische Erzählung (Herders Biblische Studien 98), Freiburg i. Br.: Herder 2022, 392 S., 75 €. ISBN 978-3-451-38898-9.
Im Jahr 2019 erschien Klaus Haackers hochgelobter Kommentar zur Apostelgeschichte in der Reihe „Theologischer Kommentar zum Neuen Testament.“ Die Umfangsbeschränkung des Kommentars ließ es nicht zu, größere Exkurse zu integrieren, und so kam die Idee eines begleitenden Bandes auf. Dieser trägt den programmatischen Titel „Zeugnis und Zeitgeschichte“ und umfasst fünf bereits veröffentlichte Studien aus einem Zeitraum von 1985 bis 2018 sowie neun eigens für diesen Band verfasste Beiträge.
Die Bandbreite der Themen ist weit. Sie reicht von grundsätzlichen Fragen („Wozu ist die Apostelgeschichte gut?“) über zeitgeschichtliche, geographische und kulturgeschichtliche Aspekte bis hin zum großen Themenkomplex der Reden in der Apostelgeschichte. Es empfiehlt sich, immer wieder den Kommentar daneben zu legen, um angesichts der großen thematischen Streuung des vorliegenden Bandes die beeindruckende Kohärenz der Acta-Lektüre von Klaus Haacker im Blick zu behalten.
Im Rahmen der knappen Besprechung kann nicht auf alle 14 Beiträge eingegangen werden, aber es lohnt sich, knapp auf einzelne Schlaglichter und Highlights hinzuweisen: Der geschichtliche und theologische Wert der Apostelgeschichtliche liege darin, dass sie „der einzige erhaltene Originalbericht über die Anfänge des Christentums“ ist (9). Der Jerusalembesuch des Paulus (Gal 2,1–10) sei nicht mit dem Apostelkonvent (Apg 15,1–35) gleichzusetzen, sondern mit der Kollektenreise (Apg 11,27–30), und an diesem Treffen sei nicht der Herrenbruder einer der Gesprächspartner gewesen, sondern der Zebedaide Jakobus – was zur Folge hat, dass „diejenigen von Jakobus“ (Gal 2,12) im Antiochenischen Konflikt auch „die Anhänger des (nicht mehr lebenden!) Apostels Jakobus bezeichnen“ kann (70). Die traditionelle und Jahrhunderte alte Tradition, dass Nazareth Jesu Heimatstadt war, wird in Frage gestellt und stattdessen die Stadt Gennesaret (Mk 6,53) in oder bei Tiberias vorgeschlagen (81); die Bezeichnung Aethiops (Apg 8,37) beziehe sich nicht auf ein Land – Äthiopien –, sondern sei eine Personenbeschreibung und bedeute „‚dunkelhäutig‘ oder ‚sonnenverbrannt‘“ (83); die Romreisenden um Paulus kamen nach ihrem Schiffbruch nicht, wie immer wieder behauptet, an der westgriechischen Insel Kefalonia, sondern in Malta (Melite) (Apg 28,1) an (91). Das weithin verbreitete Vorurteil, dass das frühe Christentum eine Bewegung von Ungebildeten und sozial Randständigen war, müsse verabschiedet werden, denn mit Stephanus, Apollos und Paulus u. a. zeigen zentrale Akteure einen hohen Bildungsgrad und eine differenzierte Kulturhermeneutik – und waren dennoch nicht gefeit vor Spott und politischen Vorwürfen wie der „Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung“ (130). Die Bekenntnisse des Paulus zur Hoffnung Israels in der Apostelgeschichte lassen ihn an die Seite von Maria und Zacharias, Simeon und Hanna, den Emmausjüngern und Petrus treten (142) – und erweisen ihn als „der Kirche im Großen und Ganzen immer noch weit voraus“ (149). Zur Eschatologie sei ferner festzuhalten: Die „präsentische (oder perfektische) Eschatologie mancher lukanischen Aussagen über den Heiligen Geist verdrängt die futurische Eschatologie nicht und schließt auch eine Naherwartung nicht aus“ (170). Was die viel diskutierten Reden der Apostelgeschichte betrifft, müsse man sich von Martin Dibelius’ skeptischem und von Thukydides herkommendem Gesamturteil lösen (171, 182, 193 u. ö.) und weniger den Erfindergeist und die Erzählkunst des Lukas als vielmehr „Überlieferungen und historische Kenntnisse“ (179) und „Ohrenzeugen“ (199) als Grundlage postulieren: „[D]er Schatten, der aus dem fiktional gedeuteten Redensatz des Thukydides auf die Reden des lukanischen Werkes fiel, hat die Lukasforschung in die Irre geführt und sollte als Missverständnis zu den Akten gelegt werden“ (212). Schließlich sei der Prolog Lk 1,1–4 als Vorrede zum gesamten Doppelwerk zu verstehen, und man könne sich folgendes Szenario imaginieren: Lukas, der „Arzt und Reisebegleiter des Paulus“ (236) habe mit dem Pseudonym „Theophilus“ den Neffen des Philo von Alexandrien, Tiberius Julius Alexander (232) adressiert und sein Werk als Verteidigung des Paulus vor dem römischen Kaiser konzipiert.
Insgesamt enthält der Band also einen bunten Blumenstrauß, darunter auch manche Orchideen. Immer wieder werden biographische und forschungsgeschichtliche Anekdoten eingespielt, die nicht nur die Texte, sondern auch den Exegeten und die exegetische Zunft lebendig werden lassen. Eine untergeordnete Rolle spielt manche Streitfrage der gegenwärtigen Forschung, die teils wieder an die Debatten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anschließt: die Einheit des lukanischen „Doppelwerks“ und die neuerdings wieder vertretene Datierung ins 2. Jh., die literarische Abhängigkeit von Josephus, der Einfluss der Romanliteratur usw. Wer die Arbeiten von Klaus Haacker kennt, weiß um seinen theologischen Scharfsinn, seine exegetische Kreativität, seine literarische Prägnanz und nicht zuletzt seinen wohltuenden Widerspruchsgeist gegen festgefahrene Forschungsmeinungen (nach dem Motto „Die Wissenschaft hat festgestellt“, 7). All dies begegnet auch im vorliegenden Band. Es sind nicht langatmige Exkurse mit überbordenden Anmerkungen, sondern eher tiefgründige Etüden mit historisch-theologischem Herz – stets verknüpft mit „Denkanstößen für heute“ (133; vgl. 106, 149 u. ö.).
Prof. Dr. Benjamin Schliesser, Bern
GND 133121348
