Wolfhart Schlichting: „… Nicht sich in ein besseres Licht rücken …“. Ein Gespräch über Religion, Glaube und Frömmigkeit, geführt und aufgezeichnet von Till Roth, Neuendettelsau: Freimund-Verlag 2025, 288 S., 14,95 €, ISBN 978 3 946083 88 7.
Wolfhart Schlichting, geboren 1940, kann auf eine Fülle von Aufgaben und Ämtern zurückblicken, die er als lutherischer Theologe und Pfarrer bekleiden durfte: Pfarrer in Ecuador und Augsburg, Studentenpfarrer in Regensburg, Pfarrer der Christusbruderschaft in Falkenstein, Erster Obmann der „Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinne der lutherischen Kirche“, Sprecher des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern, Gastdozent am Lutheran Theological Seminary in Hongkong, um nur einige zu nennen. Dementsprechend weit ist auch das Spektrum der Fragen, die ihn in seiner theologischen Existenz umgetrieben und ihren Niederschlag etwa in seiner Dissertation über biblische Denkformen in der Dogmatik Karl Barths (Erlangen 1969), dem TRE-Artikel zu Wilhelm Löhe (TRE 21, 1991, 409–414) oder der Neuaufnahme einer Reformationsgeschichte Spaniens (u. a. CA IV/2017 „Spanien lutherisch?“) gefunden haben.
Till Roth, Dekan in Lohr am Main und Vorsitzender des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern, ist es nun zu verdanken, dass Schlichtings theologische Lebensreflexionen in einem umfangreichen Gesprächsband weiteren Kreisen ernsthafter Christen zugänglich gemacht werden. Roth hat dabei seine Fragen acht Kapiteln zugeordnet, die biographisch von den „Lebensstationen“ über das Gemeindepfarramt bis zum Wirken in der Ökumene reichen. Bezeichnend ist es, dass Roth das Gespräch mit Schlichting in den beiden letzten Kapiteln „Bekennen vor den Menschen“ (VII) und „Die Heilige Schrift verstehen“ (VIII) in Fragen zu Bekenntnis und Hermeneutik ausmünden lässt. Zu allen Stationen und theologischen Themen gibt Schlichting zunächst nur zögernd Auskunft (fast so, als wolle er den sperrigen Titel des Bandes damit bekräftigen), bevor er jeweils zu einer sachlichen Entfaltung von beeindruckender persönlich-reflexiver Integrität und Weite ansetzt. Wer dabei griffige Statements nach Art aktueller Standard-Theologumena („Theologie der Transformation / der Nachhaltigkeit“ etc.) erwartet, wird enttäuscht werden. Stattdessen konzentriert sich Schlichting auf das, was ihn selbst auf seinem Lebensweg beeindruckt, getragen und geführt hat. Dabei tritt manches im theologischen Diskurs Überraschende zutage, etwa der prägende Eindruck, den Karl Barth bei dem jungen Lutheraner hinterließ (u. a. 68) oder sein freimütiger Umgang mit dem ‚Metapher‘-Begriff des französischen Philosophen Paul Ricœur (230f). Insbesondere mit Aussagen zum Verständnis von kirchlicher Leitung und Pfarramt setzt Schlichting einen bemerkenswerten Kontrapunkt zur aktuellen Diskurs-Situation, etwa durch sein nachdrückliches Verweisen auf gemeinsame Bibellese und Gebet als primäre Form der Leitung (u. a. 182f). Aufmerken lassen auch die Erinnerungen an die Zeit in Ecuador (79–84), oder die Tätigkeit als Studentenpfarrer in Regensburg, bei der er dem damaligen Professor Ratzinger im Rahmen einer naturwissenschaftlich-theologischen Podiumsdiskussion begegnen konnte (240). Bei der Schilderung seiner ökumenischen Begegnungen sticht zudem eine Tagung in Jerusalem hervor, bei der offen über die Enttäuschung gesprochen wurde, dass das „Land der Reformation“ nach der Wende nicht zu erneuerter Kirchlichkeit zurückgefunden hat (157f). – Neben solchen einzelnen „Perlen“ des Gesprächs, das auch als Gespräch zwischen zwei Generationen gelesen werden kann, ist es letztlich jedoch die große Aussagerichtung, die Schlichting bei der Entfaltung der angefragten Themen einschlägt, die den Band dankbar lesen lässt: Er sieht den Weg der Kirche in schwierigen Zeiten nicht Aktionismus und Methodik verpflichtet (u. a. 193f), sondern der Orientierung an Gottes Wort und dem Zeugnis, dass Gott trotz aller „überwältigenden Massivität der Fakten“ (der gegenwärtigen Gesellschaft, Anm. d. Verf.) sein Ansehen selbst in Geltung setzt (209f). Dass diese Haltung heute innerkirchlich schnell in eine Minderheitensituation führen kann, hat Schlichting oft genug drastisch erfahren (u. a. 194). Dennoch setzt er alle persönliche Intellektualität (deren Einsatz seiner Generation im kirchlichen Amt noch vergönnt war) dafür ein, zu bezeugen, dass es auch heute für Christen nicht um irgendeine bessere anthropologische Gerechtigkeit, sondern um die Rechtfertigung durch das vollendende Wirken Jesu Christi an uns geht (u. a. 242f). – Wer sich von Schlichtings Zeugnis weiter anregen und ermutigen lassen will, sei auf das von Dietrich Blaufuß redigierte ausführliche Literaturverzeichnis am Ende des Bandes verwiesen.
Dr. Christian Pohl, Rüdesheim a. R.
GND 1059424339
