Norina Ullmann: Glaube und Gesundheit. Impulse der empirischen Religionspsychologie für eine integrative Seelsorge, Berlin: deGruyter 2024. 548 S., 99,95 €. ISBN 978-31114 38467.
Noch ein Buch über Glaube und Gesundheit? Ist dazu nicht alles Wesentliche gesagt? Und darüber hinaus noch eine theologische Doktorarbeit von weit über 500 Seiten! Auch wenn der Umfang zunächst abschrecken mag – die Lektüre ist aus mehreren Gründen überaus lohnend. Die Pfarrerin der badischen Landeskirche ist nach eigenen Angaben schon seit ihrer Jugend an Seelsorge und Gemeindeentwicklung interessiert. Sie hat ihren Schwerpunkt Praktische Theologie bei Michael Herbst in Greifswald und Annette Haußmann in Heidelberg studiert und konnte beide zur Begleitung ihrer Qualifizierungsarbeit gewinnen. Während ihres Studiums war sie seelsorglich tätig und nahm an psychologischen Weiterbildungen teil. Dadurch ist sie in beiden Disziplinen beheimatet und kann beide auf Augenhöhe ins Gespräch bringen. Als weiterer Pluspunkt ist die angenehme Sprache zu nennen, die auf komplizierte Sätze und abseitige Fachbegriffe verzichtet und klar und deutlich formuliert. Eine dritte Stärke der Arbeit ist die präzise Gedankenführung, penible Begriffsverwendung und exakte Zitierweise. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Autorin mit ihrer Doktorarbeit einen immensen Wissensraum abschreitet: die empirische Gesundheits- und Religionspsychologie, die Theologie des Glaubensaktes sowie der Entwurf einer integrativen Seelsorgetheorie, die in der Lage sein soll, die neueren religionspsychologischen Erkenntnis für einen lebensdienliche Seelsorge fruchtbar zu machen.
Ausgangspunkt dieser sehr eigenständigen Arbeit bildet die aufmerksame Beobachtung der Autorin, dass die Seelsorgelehre der letzten Jahrzehnte ein ausgeprägtes Interesse an der Psychologie entwickelt hat und deren Erkenntnisse mit einbezieht. Leider würden die besonders relevanten Einsichten der empirischen Religionspsychologie und neuere Psychotherapieformen nur sehr zögerlich aufgenommen, was die Autorin mit ihrer Arbeit durch ihr integratives Seelsorgemodell verändern möchte.
Systematisch werden in Teil A die Zusammenhänge von Religiosität/Spiritualität und Glaube und deren Auswirkungen auf die Gesundheit untersucht. Teil B konzentriert sich auf psychologische Perspektiven auf Religiosität /Spiritualität und Gesundheit. Originell ist die Lösung, neben dem Referat von Überblicksbefunden 20 ausgewählte Studien tabellarisch darzustellen, sie zu analysieren und daraus ein zusammenfassendes Wirkmodell zu entwerfen. Am Beispiel werden Möglichkeiten und Grenzen der Einbeziehung von R / S in den therapeutischen Prozess aufgezeigt. Die Autorin scheint sich sowohl im theologischen als auch im psychologischen Feld wohlzufühlen. Das ermöglicht ihr, ganz unbefangen theologische Aspekte des Glaubens als Beziehung, Selbsterkenntnis, Gefühl, Verstehen u. a. psychologischen Befunden gegenüberzustellen.
Im Teil C werden die gewonnen Einsichten auf eine integrative Seelsorgepraxis angewendet. Anhand biblischen und systematisch-theologischer Deutungen des Glaubens kann die Autorin kritische Anfragen an eine rein psychologische Betrachtung von R/S gestellt.
Wie tiefgründig das Gesamtwerk durchkomponiert worden ist, lässt sich an dem differenzierten Register ablesen. Dem 38-seitigen Literaturverzeichnis folgt eine Übersicht der Internetquellen und ein Begriffsregister, das die Seitenzahlen des jeweiligen Begriffs auflistet, wo dieser im Buch vorkommt – nützlich und praktisch!
Die Arbeit bietet eine Fülle von Einzeleinsichten und Vertiefungen, die eine kurze Besprechung übergehen muss. Sehr überzeugend wird die Gesundheitsrelevanz des Glaubens aufgezeigt, sowohl in heilsamer als potentiell auch in destruktiver Weise. Die Autorin fasst nüchtern zusammen: „Religionspsychologie macht Seelsorge auf die Gesundheitsrelevanz des Glaubens aufmerksam. Sie bestätigt als empirische Realität, was Theologie als Normalität beurteilt“ (S. 474). Damit Seelsorge sowohl psychologisch informiert als auch theologisch reflektiert werde, müsse der Dialog mit der Religionspsychologie fortgesetzt werden.
Zurecht wurde die Arbeit von der Universität Heidelberg mit dem Ruprecht-Karls-Preis 2024 ausgezeichnet. Bei allem Lob soll ein formaler Mangel und eine inhaltliche Lücke nicht verschwiegen werden. Die Gedankenflut und die exakte Zitierung haben auf manchen Seiten den unteren Seitenteil mit dem Fußnotenapparat so groß werden lassen, dass Lesende recht mühsam zwischen oben und unten springen müssen. Und warum die auch in den evangelischen Kirchen mittlerweile etablierte Seelsorgeform der Geistlichen Begleitung nicht als ein Prototyp religionspsychologisch informierter Seelsorge herangezogen? Dem Buch ist zu wünschen, dass es nachhaltige Impulse in die kirchliche Seelsorgeausbildung sendet, um die Lebensdienlichkeit des Glaubens zu fördern.
Prof. Dr. Michael Utsch, Berlin
GND 121420612
