Oliver Lutz: Dorothea Trudel (1813–1862), Pionierin mit Charisma und Heilungsgabe, Zürich: Theologischer Verlag Zürich (TVZ) 2024, S. 365, 52,00 Euro. ISBN 978-3-290-18649-4.
Mit seiner über 365 Seiten starken Monografie, die zugleich seine Dissertation an der UNISA (University of South Africa) darstellt, legt der Theologe Oliver Lutz eine umfangreiche wissenschaftliche Biografie über Dorothea Trudel (1813–1862) als „Pionierin“ der Heilungsbewegung in der Schweiz vor. Zu Recht, denn neben dem Pfarrer Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) war sie eine wichtige Vertreterin der Heilungsbewegung und des erwecklichen Protestantismus im deutschsprachigen Raum Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre Bedeutung wurde in der Forschung bisher zu wenig beachtet. Lutz erschließt sie auf Basis einer Fülle von Originalquellen und verdeutlicht dabei auch ihre Relevanz für die spätere Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung. So soll sie die Vertreter Otto Stockmayer (1838–1917) und Elias Schrenk (1831–1913) beeinflusst haben.
Nach einem ausführlichen wissenschaftlichen Einleitungskapitel und der Beleuchtung des historischen Kontextes aus politischer, wirtschaftlicher und „geistlicher“ Perspektive widmet sich Lutz in seinem Werk der Darstellung von Dorothea Trudels Biografie. Diese orientiert sich an ihrer Rolle als Gastgeberin und Leiterin sogenannter „Heilungshäuser“ (S. 61–97), ihrem Selbstverständnis als Heilerin (S. 100–135) sowie ihrem Konflikt mit der Gesellschaft im Rahmen eines gegen sie angestrebten Gerichtsprozesses im Jahr 1861 (S. 136–155) und der Analyse der in diesem Zusammenhang zutage tretenden Heilungszeugnisse (S. 156–170). Es folgt ein über hundert Seiten starkes Kapitel, in dem sich Lutz der „Rezeption Trudels im Pietismus und der transatlantischen Heilungsbewegung“ widmet. Ausführlich untersucht er die Wirkung Trudels auf spätere Akteure der Heilungs- und Heiligungsbewegung wie Samuel Zeller (1834–1912), Henriette von Seckendorff (1819–1878), Otto Stockmayer und Charles Cullis (1833–1892) (S. 191–288). Abschließend eruiert Lutz Trudels Erbe für die Gegenwart (S. 297–301) und fasst seine Erkenntnisse zusammen (S. 303–319).
Die Untersuchung schließt eine wichtige Forschungslücke bezüglich der Person Dorothea Trudel (1813–1862) und ihrer Rezeption im Rahmen der Heiligungsbewegung, die stark von ihrem Einfluss geprägt zu sein schien. Der Verfasser bietet eine Fülle besonders wertvoller Kapitel über Trudels Begegnungen mit zentralen Vertretern der Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung, darunter Elias Schrenk (S. 115ff/191–296). Ebenso wertvoll ist die ausführliche Dokumentation des Gerichtsverfahrens gegen Dorothea Trudel, die der Verfasser auf Basis der Gerichtsakten und -dokumente erstellt hat. Dabei entfaltet sich ein Bild der Spannungen zwischen einer zunehmend „entzauberten“ und technisierten Gesellschaft und der als „rückständig“, jedoch als Herausforderung wahrgenommenen evangelischen Erweckungsfrömmigkeit (S. 160ff). Die Biografie schließt somit eine wichtige Forschungslücke.
Prof. Dr. Eduard Ferderer, Bad Liebenzell
GND 1257897179
