Benjamin Schließer, Reinhard Feldmeier, Jörg Frey (Herausgeber) und Saskia Urech (Mitarbeit): Geist. Phänomenologie – Religionsgeschichte – Theologie. Ein Kompendium (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neues Testament 542), Tübingen: Mohr Siebeck 2025, 1301 S., 199 €. ISBN 978-3-16-164848-9.
Alle, die wissen, welche entsagungsvolle Arbeit die Herausgabe umfangreicher Sammelbände bedeutet, können nur die Leistung der Professoren Benjamin Schliesser (Universität Bern), Reinhard Feldmeier (früher Universität Göttingen) und Jörg Frey (Universität Zürich) bewundern. Über ihre eigenen Beiträge hinaus haben sie für weitere Artikel siebenunddreißig andere Experten gewonnen, darunter auch mehrere aus dem Umkreis der „Theologischen Beiträge“. Ziemlich einmalig ist, dass der Band einen Monat früher als angekündigt erschien, was man sicher auch der Tüchtigkeit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Verlages zu verdanken hat. Es ist im Rahmen dieser Rezension nicht möglich, auch nur die genauen Titel aller Aufsätze zu nennen. Ein Inhaltsverzeichnis findet man unter https://www.mohrsiebeck.com/buch/geist-9783161648489/. Es sollen wenigstens die behandelten Themen genannt und einige Beiträge hervorgehoben werden.
Der erste Hauptteil „Griechisch-römische Tradition“ (11–204) thematisiert die Geistvorstellungen in antiken medizinischen Texten (A. Weissenrieder), bei Cicero (N. Pedrique), in der Stoa (M. Forschner), im Mittelplatonismus (I. Tanaseanu-Döbler) und im Corpus Hermeticum (S. Vollenweider). Matthias Becker „Pneuma im Orakelwesen. Die Inspiration der Pythia in Texten von Cicero bis Plutarch und ein Ausblick auf Geistprophetie im Neuen Testament“ (89–123) zeigt auf breiter antiker Quellenkenntnis, wie neutestamentliche Schriften in ihre philosophisch-religiöse Umwelt hinein sprechen und trotzdem ein besonderes Profil behalten.
Der zweite Hauptteil widmet sich „Altem Testament und Frühjudentum“ (207–476). Es geht hier um die Rolle von Gottes Geist in Genesis 1,2 (A. Wagner), in den Richter- und Samuel-Büchern (H. Bezzel), den Psalmen (K. Liess) sowie beim Propheten Ezechiel (K. Schöpflin). Das Frühjudentum ist mit Beiträgen zu Jubiläen und Henoch-Tradition (D. Maier), der Johannes-Offenbarung im Rahmen frühjüdisch-frühchristlicher Apokalyptik (M. Sommer), der Weisheit Salomos (R. Feldmeier) und zu Philo von Alexandrien (B. Wyss) vertreten sowie mit einem Vergleich menschlicher Transformation bei Philo und Paulus (V. Rabens). Wesentliche Grundlagen für das neutestamentliche Reden vom Heiligen Geist behandeln zwei Aufsätze: Torsten Uhlig „Der Geist Gottes im zweiten Teil des Jesajabuches“ (287–321) und Jörg Frey „Geist, Geister und Heiliger Geist in den Textfunden von Qumran“ (341–368).
Im dritten Hauptteil geht es unter der Überschrift „Frühes Christentum“ um den Heiligen Geist im Neuen Testament (479–841). Wer an neutestamentlicher Pneumatologie interessiert ist, der wird mit besonderem Gewinn die folgenden Beiträge lesen: Roland Deines „Der Heilige Geist im Matthäusevangelium“ (521–556), Reinhard Feldmeier „Der Geist der ‚Ich‘ sagt. Der Quantensprung der lukanischen Pneumatologie“ (595–611), Michael R. Jost „Der Geist des Inkarnierten. Der personale Geist und die sinnliche Welt im Johannesevangelium“ (613–639), Andreas-Christian Heidel „Pneumatologie und Offenbarung im Hebräerbrief“ (759–779) sowie Volker Gäckle „Der Geist in der Johannesapokalypse. Perspektiven einer prophetischen und angelomorphen Pneumatologie“ (797–819). Es spricht für die Vorurteilslosigkeit der Herausgeber, dass neben evangelischen, katholischen und orthodoxen Autoren auch ein pfingstkirchlicher Exeget zu Wort kommt: John Christopher Thomas „The Spirit in 1 Corinthians 12–14. A Pentecostal Hearing“ (641–666). Darüber hinaus gibt es Beiträge zum Markusevangelium (J. Rüggemeier), zu Lukas (H. Gunkel), Paulus (M. Nägele, S. Urech), dem Epheserbrief (M. Gese), den Pastoralbriefen (S. Krauter) und 2. Petrus (J. Frey). Dass es beim Heiligen Geist im Neuen Testament nicht nur um Reflexion geht, zeigt Benjamin Schliesser mutig in „Der ‚Geist‘ und die Ausbreitung des Christentums. Religiöse Erfahrungen in der frühen Jesusbewegung“ (821–841).
Im vierten Hauptteil „Pneumatologie in der Spätantike“ (845–1022) gelten Beiträge dem Geistverständnis in den altkirchlichen Epiklesen (H.-U. Weidemann), bei den Apostolischen Vätern bis Tertullian (P. Gemeinhardt) und Justin dem Märtyrer (J. J. Drude) sowie der altkirchlichen Diskussion über das Verhältnis von göttlichem Logos und Heiligem Geist (B. Gleede). In „The Quran and the Holy Spirit“ von Todd Lawson (1009–1022) wird nebenbei deutlich, wie Mohammed auch bei diesem Thema in Aufnahme und Abwehr vom syrischen Christentum beeinflusst war.
Der fünfte Hauptteil rundet den Band durch „Theologiegeschichtliche und theologische Perspektiven“ ab (1025–1194). Es geht um den Beitrag der Pneumatologie Calvins zu einer gegenwärtigen Schöpfungstheologie (M. D. Wüthrich), den Streit zwischen Luther und den Spiritualisten auf dem gemeinsamen Hintergrund vorreformatorischer Mystik (V. Leppin), die Pneumatologie in Orthodoxie und Altkatholizismus (G. Huian), den Einfluss von Hegels Geistbegriff auf den Protestantismus (J. Rohls) sowie um charismatische Bewegungen in Brasilien (E. A. Sobottka) und Westafrika. Hier zeigt Michael F. Wanduism für sein Heimatland Ghana: „There will be hardly any Ghanaian Christianity in its current outlook without the Holy Spirit“ (1174).
Bei einem so umfangreichen Sammelband bleibt es nicht aus, dass der Rezensent nicht mit jedem Beitrag übereinstimmt. Aber alle Aufsätze befinden sich auf dem neuesten Diskussionsstand und lohnen schon deshalb eine Lektüre. Diese monumentale Kompendium kann geradezu als Nachschlagewerk zur Bedeutung des Geistes in der Bibel und ihrer Umwelt genutzt werden. Dabei wird den Lesern die Orientierung dadurch erleichtert, dass den Hauptteilen Einführungen der Herausgeber vorangestellt sind und alle Artikel mit thesenartigen Zusammenfassungen schließen. Einen Hauptertrag haben die Herausgeber so formuliert: „Die neutestamentlichen Vorstellungen vom Wesen und Wirken eines göttlichen Geistes basieren […] primär auf alttestamentlich-jüdischen Traditionen, die allerdings im Kontext der als Hallraum der christlichen Verkündigung immer wichtiger werdenden griechisch-römischen Welt und deren Vorstellung eines den Kosmos durchwaltenden und den Menschen bestimmenden göttlichen Geistes profiliert und damit auch transformiert wurden. Bei aller dabei entstandenen Vielfalt besteht die differentia specifica der neutestamentlichen Pneumatologie zu allen anderen Geistvorstellungen in ihrer engen Verbindung mit der Christologie, die vor allem bei Paulus, Lukas und Johannes zur Folge hat, dass das ursprünglich apersonale Pneuma in einem bis dahin noch nicht gekannten Maße personalisiert wurde“ (845).
Prof. Dr. Rainer Riesner, Gomaringen
GND 120370492
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5
