Friedemann Burkhardt: Zusammen leben in Gottes Haus. Gemeinde interkulturell gestalten, Luhe-Wildenau: Neufeld Verlag 2025, 275 S., 30 €. ISBN 978-3862561988.
Kommt nach der missionarischen Gemeindeentwicklung nun eine interkulturelle Variante? Ist das vorliegende Konzept einfach eine weitere Attribut-Gemeindeentwicklung? Ja und nein. – Friedemann Burkhardt hat sich im Rahmen seiner Habilitation und weiterer wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Phänomen der Interkulturalität auseinandergesetzt. Den Begriff der Interkulturalität versteht der Vf. im Anschluss an den Sprachwissenschaftler Csaba Földes in einer weiten Definition, die nicht nur die ethnisch-kulturelle Herkunft, sondern sämtliche Lebensweisen, Vorstellungen, Geschlechter, und sozioökonomische Gegebenheiten umfasst und dabei „bezogen auf die soziale Qualität ihrer Beziehung zueinander wahrgenommen werden“ (34).
Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit interkulturellen Aspekten der Gemeindeentwicklung ist evident (17–22). Mit interkulturell ausgerichteten Gemeinden verbindet der Vf. „enorme Potentiale zur Befriedung der Gesellschaft“ (39), was letztlich zur „öffentliche[n] Relevanz“ (ebd.) von Kirche beiträgt.
Im vorliegenden Praxisbuch entwickelt der Vf. ausgehend von drei Bausteinen (interkulturelles Sein, Denken und Handeln) eine Praxistheorie, die aus sieben Grundsätzen besteht. Diese lauten: 1. Inklusivitätssensible Leitungspersonen; 2. Kennwert Fremdenliebe; 3. Weltchristlicher Horizont; 4. Visionsarbeit als Schlüsselprinzip; 5. Strategieorientierte Entscheidungen; 6. Das Phasen-Modell; 7. Verstärkungswirkungen. Jeder dieser Grundsätze wird empirisch wahrgenommen, biblisch-theologisch reflektiert, praxisbezogen bedacht und anschließend zu einem handlungsleitenden Prinzip weitergeführt.
Für eine interkulturell gestaltete Gemeindeentwicklung sind demnach die Persönlichkeit von Leitungspersonen sowie deren Handeln innerhalb der Gemeinde entscheidend. Sie verfügen optimalerweise entweder selbst über Erfahrungen (Migrationshintergrund, im missionarischen oder Entwicklungshilfe-Kontext) oder haben entsprechende Expertise in ihrem Leitungsteam.
Als Schlüsselprinzip sieht der Vf. die Visionsarbeit an, die zu strategischen Entscheidungen führen soll. Hierfür hat der Vf den sog. Gemeindeentwicklungsrahmens entwickelt, der als Tool vielseitig „in allen Bereichen der Gemeindeentwicklung dienen“ (212) zur Entscheidungshilfe dienen soll, damit Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Lebensweise – wie der Titel nahelegt – in Gottes Haus zusammenleben können.
Die Erläuterungen zum Gemeindeentwicklungsrahmen hätten einer Konkretion an einer exemplarischen Gemeinde bedurft. Ebenso bleibt m. E. offen, wie exogene Faktoren (z. B. Verordnungen und Gesetze einer Landeskirche) und der Einfluss gesellschaftliche Rahmenbedingungen innerhalb des Gemeindeentwicklungsrahmens sichtbar gemacht werden sollen. Beide stellen keine oder nur begrenzt veränderbare Steuerungsgrößen dar und sind in einem „Master-Control-System für die Gemeindeentwicklung“ (205) nicht zu unterschätzen.
Ein ausführliches Glossar zu verwendeten Fachbegriffen, Personen- und Literaturverzeichnis ist als Anhang beigefügt.
Fazit: Der Vf. weitet mit seinem Arbeitsbuch den Gemeindeentwicklungs-Diskurs um die bisher kaum beachtete Kategorie der Interkulturalität. Empirisch fundiert, praktisch-theologisch im Zusammenspiel mit Referenzwissenschaften reflektiert und mit praxisnahen Impulsen, ist dieses Buch für alle, die in Kirche und Gemeinde Verantwortung tragen, ein Gewinn.
Studienassistent Andreas Schmierer, Tübingen
GND 1170964257
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5
