Jean-Georges Gantenbein: Can the West Be Converted? Towards a Contextual Theology for the West, Lanham: Lexington Books 2021. 387 S., 125 €. ISBN 978-1-7936-3381-1.
Der Autor ist als Dozent für Interkulturelle Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona (Basel) tätig sowie als Ausbildungsbeauftragter des Gemeindeverbandes Perspectives in Frankreich und als Fachbereichsleiter Europa der Liebenzeller Mission. Er legt mit diesem Buch eine englische Übersetzung seiner in Französisch verfassten Dissertation aus dem Jahr 2010 vor (französische Fassung im Aschendorff Verlag 2016).
Gantenbein will Kriterien erarbeiten für eine für den europäischen Kontext akzentuierte „missiologische Kontextualisierung“ (ix), in der theologische, missionswissenschaftliche und (religions-)soziologische Beobachtungen zusammengeführt werden. Die für eine solche Zusammenschau notwendigen methodischen Fragen behandelt er im ersten Kapitel. Mission wird priorisiert. Ihre Reflexion ist für alle Disziplinen der Theologie von Bedeutung. Kirche wird als eine Funktion von Mission verstanden, nicht als deren Ausgangspunkt. Die Priorität der Schrift gegenüber dem Kontext ist von zentraler Bedeutung. Als Folge dieser grundlegenden Entscheidung erwartet G. kein konsensorientiertes, sondern eher ein spannungsreiches und prophetisches Verhältnis zwischen Kontext und Schrift.
Der Hauptteil wird eröffnet mit einer religionssoziologischen Perspektive Europas, ergänzt durch Beobachtungen u. a. zur Geschichte der Christianisierung, zum demographischen Wandel, zu Migration sowie zu Entwicklungen im Bereich der Philosophie. Aus dieser Übersicht leitet G. Charakteristika ab, die für eine Kontextualisierung in Europa wichtig erscheinen. Dieser Darstellung des Kultur-Pols stellt er theologische Überlegungen gegenüber, wobei er anknüpft bei den Missionstheologen L. Newbigin, D. Bosch und F. Walldorf. Eine zentrale Rolle für den Schrift-Pol in europäischen Kontexten spielen Themen wie Deklerikalisierung, soziale Ethik, Ästhetik und eine Theologie der Religionen.
Im letzten Kapitel präsentiert G. sein Modell einer kontextuellen Theologie für Europa, das von zwei Bewegungen charakterisiert ist. Die erste, anthropologische Linie – Mission als Attraktion/Anziehung – nimmt ihren Ausgangspunkt beim Menschen und knüpft an dem kulturellen Fokus auf Ästhetik an. Aspekte des Schönen, des Guten und des Wahren werden als Teil einer Bewegung auf Gott hin betrachtet. Die zweite, theologische Linie fokussiert auf Mission als von Gott ausgehender Sendung, eine Bewegung des Wortes Gottes hin zum Menschen. Glaube kann sich dort ereignen, wo diese beiden Linien sich begegnen. Auf diese Weise werden Interaktion der Kirche mit Kultur und das Anknüpfen an der Kultur von Menschen verbunden mit einem Fokus auf die Rolle der Heiligen Schrift (und des Hl. Geistes) für die Kirche in ihrer Mission.
Der Autor legt einen systematischen Entwurf für Kontextualisierung in europäischen Kontexten vor. Zahlreiche Endnoten und eine ausführliche Bibliografie dokumentieren die Quellen. Die Arbeit ist mit einem Stichwortverzeichnis und einigen Grafiken versehen, die das Modell des Autors illustrieren. Auch wenn das Modell manchen Lesern zu schematisch erscheinen mag, werden Menschen mit einem akademischen Interesse an einer missionswissenschaftlichen Perspektive auf Europa dieses Buch mit Gewinn lesen.
Prof. Dr. Jürgen Schuster, Bad Liebenzell
GND 13942072X
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–6
