Felix Eiffler, Katharina Haubold, Florian Kar­cher: Real Talk. Mit Jugendlichen predigen

Felix Eiffler, Katharina Haubold, Florian Kar­cher: Real Talk. Mit Jugendlichen predigen. Praxisbuch. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft 2024, 306 S., 18,99 €, ISBN 978-3-76157-006-7.

Schon auf den ersten Blick weist der vorliegende Band Besonderheiten auf, die Leserinnen und Leser neugierig stimmen: Das Praxisbuch ist zum einen das Werk eines Autorenteams; zwei der Mitwirkenden gehören zur CVJM-Hochschule, der dritte leitet die Forschungsstelle für missionale Kirchen- und Gemeindeentwicklung an der Universität Halle. Sie bringen Kompetenz und Erfahrung in der Jugendarbeit wie in Theorie und Didaktik des Predigens mit. Zum anderen soll man über den Untertitel stolpern: „Real Talk“ will nicht zu, sondern mit Jugendlichen predigen und ein ‚real talk‘, ein ernsthaftes, authentisches Gespräch sein. Perspektiven von Jugendlichen auf Leben und Glauben sollen stets im Blick derer sein, die in verschiedenen Formaten der Jugendarbeit verkündigend das Wort ergreifen. Mehr noch, sie sollen möglichst selbst zur Verkündigung ermutigt und zugerüstet werden. Mit diesem Anspruch sind die Beitragenden angetreten – und den lösen sie auch ein.  Dabei gehen die drei von der (nicht unumstrittenen) Voraussetzung aus, dass längere Wortbeiträge über das Evangelium weiterhin einen wichtigen Platz in der Jugendarbeit einnehmen können (11–17). 

In seinem Grundsatzbeitrag (19–69) er­läutert Felix Eiffler, dass Predigt – nach Karl Barth – die dritte Gestalt des Wortes Gottes (nach Christus selbst und der Hl. Schrift) sei. Er schlägt im Anschluss an M. Giebel „die homiletische Pyramide“ als Grundmodell vor; demnach geht es im Predigtgeschehen immer um die Beziehung eines biblischen Textes zur predigenden Person und zu den Hörenden. Zur Pyramide werde dieses Dreieck durch den Bezug zu Gott: Nur durch den Heiligen Geist wird eine menschliche Rede auch zur wirkungsvollen Gestalt des Wortes Gottes. Das aber sei Ziel der „Kommunikation des Evangeliums“ (nach E. Lange), die den praktisch-theologischen Rah­men des vorliegenden Bandes darstellt. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Frage dar, ob Jugendliche das Gehörte als relevant erkennen. Neben theologischen Kenntnissen und Fertigkeiten sei darum der enge Kontakt zu Jugendlichen notwendig, um in die „kommunikative Relevanzerkundung“ (44, nach M. Doms­gen) einzutreten (46–54). Eine besondere Herausforderung (54–62) sieht F. Eiffler weiterhin in der „Kultur der Di­gitalität“ (F. Stalder). In einem zweiten Bei­trag (102–136) zeichnet er nach, wie er das Evangelium als Heilsbotschaft von Jesus Christus versteht und wie dieses Evangelium (nach C. Greth­lein) in den drei Modi des Lehrens/Lernens, des gemeinsamen Feierns und des Helfens zum Leben kommuniziert wird. So stellt er die verbale Verkündigung in den größeren Kontext von Gemeinschaft, Liturgie, Diakonie u. a. Nachdem zuvor viele ‚alte Bekannte‘ zitiert wurden, wird man beim Lesen (34f; 123–125) durch den spannenden Hinweis auf den australischen Romanisten Christopher Watkin überrascht, der u-förmige von n-förmiger Kommunikation unterscheidet. Das Evangelium kommuniziere u-förmig (von oben nach unten und zurück, also von Gott ausgehend), anders als n-förmige, vom Menschen ausgehende religiöse Kommunikation. 

Florian Karcher akzentuiert in seinem Beitrag die Jugendlichen als Teilhaber an der Kommunikation des Evangeliums (70–101). Deren Vielfältigkeit zeigt er anhand milieutheoretischer Überlegungen auf, deren gemeinsame Herausforderung durch entwicklungspsychologische Einsichten. In der Jugendgruppe als „safe space“ (99) sieht er gute Chancen, partizipatorische Formen der Kommunikation des Evangeliums einzuüben. 

Gut die Hälfte des Buches ist der Praxis gewidmet. Zunächst beschreibt Florian Karcher (137–180), wie eine Predigt entsteht: ausgehend von der Wahl von Text und Thema rät er dazu, den Bibeltext, der einer Predigt zu Grunde liegen soll, persönlich zu betrachten, dann exegetisch zu erforschen, ihn mit der Perspektive der Jugendlichen zu konfrontieren (z. B. über ‚Personas‘, die exemplarische Jugendliche porträtieren), um schließlich in einem Satz zusammenzufassen, worum es in der Predigt nun gehen soll. 

Anschließend (181–253) widmet sich Katha­rina Haubold den rhetorischen Aufgaben: „Wie wird das bisher Erarbeitete eine Predigt?“ (181). Neben ‚Erwartbarem‹ zur Struktur der Rede und zur sprachlichen Gestaltung wird erneut die gedankliche und tatsächliche Beteiligung der Jugendlichen am Predigtprozess eingefordert, wie auch ein hohes Maß an Sensibilität für Diversität (193–196). Sehr pointiert wird der Anspruch geltend gemacht, „stärker“ Anwaltschaft für die Jugendlichen als für Gott und die Bibel auszuüben (207). Nachdem im Anschluss an Martin Nicol der Film mit seinen Sequenzen und seinem Spannungsbogen als Vorbild empfohlen wird, wird den Übenden ein eigenes Predigtmodell des ‚Real Talk‘ empfohlen (208–226); dabei wird (auch mehrfach) – umrahmt von motivierender Einleitung und bündelndem Schluss – der Weg von einem ‚Statement‘ (Darlegung des Glaubensthemas) über den ‚Real Talk‘ (Bezüge zur Lebenswelt der Jugendlichen, [kritische] Anfragen) zur ‚Herzensmessage‘ (Zuspruch oder Challenge) beschritten. Alternativ finden sich Hinweise zur erzählenden und zur dialogischen Predigt (226–238) und erneut zur Predigt im digitalen Raum sowie zur Erstellung eines Manuskripts, das den Kontakt zu den Hörenden unterstützt. Katharina Haubold schließt daran (254–268) ein kürzeres Kapitel über die eigentliche Performance an (Auftritt, Technik, verständliches Sprechen, Gestik und Mimik). Zu den originellen und hilfreichen Passagen gehört Katharina Haubolds Versuch, das bisher Vorgetragene nun in einen Workshop für Jugendliche zu übersetzen, damit sie tatsächlich selbst zu Predigenden werden. Konsequent soll eine Hermeneutik der Vermittlung durch eine Hermeneutik der Aneignung (270) ersetzt werden, also die Jugendlichen als Subjekte ernst genommen werden. Die Gratwanderung zwischen möglicher Überforderung und drohendem Mangel an Fertigkeit besteht sie durch konsequente Elementarisierung der einzelnen Vorbereitungs-Schritte (269–286).

Den drei Beitragenden ist ein Buch gelungen, welches das Versprechen eines Praxisbuches einlöst. Gleichwohl wird das Handwerkliche stets mit theologischen Überzeugungen verknüpft, etwa zur christologischen Grundierung der Verkündigung, aber auch (durch immer wieder eingestreute Hinweise) zur Bedeutung einer geistlichen Offenheit für Gottes Reden und Wirken. Die vorgestellten Methoden folgen bekannten homiletischen Didaktiken, bieten aber auch interessante Angebote, neue Wege zu gehen (etwa bei der „Hayakawa-Leiter“ von der Abstraktion zur Konkretion [202f]). Konsequent wird der Bezug zu Jugendlichen als Teilhabenden gesucht, bis hin zu dem Work­shop für predigende Jugendliche. Nicht zuletzt ist der Ansatz zu würdigen, die Predigt als Kommunikation des Evangeliums für keineswegs überholt zu erklären. An manchen Stellen ließe sich diskutieren, z. B. ob Jugendlichen geistlich gedient ist, wenn man grundsätzlich stärker für sie als für Gott anwaltlich eintritt. An manchen Stellen hätte man sich mehr Kontextualisierung erhofft, dass z. B. konkrete Themen Jugendlicher exemplarisch auf die biblische Botschaft bezogen würden. Und methodisch variiert das präferierte Predigtmodell des ‚Real Talk‘ doch letztlich nur den klassischen Aufbau in drei Punkten plus unterhaltsamem Einstieg und prägnantem Schluss. Da wäre es hilfreich, mehr Gewicht auf Predigtweisen ‚nach Art des Films‘ zu legen. Schließlich sind einige der Grafiken im Buch (z. B. 86) kaum lesbar. Diese Anfragen heben jedoch den positiven Gesamteindruck nicht auf. Der Band vereint geistliche Haltung, Ausrichtung am Evangelium und solides homiletisches/rhetorisches Handwerk und bleibt sich bis zum Schluss in seinem Ansatz treu, Jugendliche als Teilhabende am Predigtgeschehen zu würdigen und auch zu aktivieren. Für Mitarbeitende in der Jugendarbeit sollte dieser Band zur Grundausstattung gehören.

Prof. Dr. Michael Herbst, Viereth-Trunstadt

GND 122925432 

erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–3