Henning Wrogemann: Pluralität benötigt Orientierung: Kirche und christliches Zeugnis in spätchristlicher Gesellschaft, Leipzig 2025. 300 S., 45 €, ISBN: 978-3374078851.
Pluralität kann schnell zur Beliebigkeit werden. Religiöse Wahrheitsansprüche werden relativiert und dies als akademische Neuheit deklariert. Kirchen und theologische Ausbildung in Deutschland stehen in dieser Gefahr. Darum ist das Buch des Wuppertaler Professors für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie, Henning Wrogemann, sehr willkommen. Das Werk bespricht religiös-weltanschauliche Themen, mit denen sich Kirche und akademische Ausbildung auseinandersetzen müssen. Die 17 Aufsätze, acht davon bisher unveröffentlicht, sind in vier Abschnitte eingeteilt. Im ersten mit der Überschrift Gesellschaft, Kultur und Hermeneutik zeigt der Autor die problematischen Konsequenzen eines naiven Multikulturalismus auf. Er macht deutlich, dass ein Staat zwar weltanschaulich neutral sein kann, dies jedoch nicht mit „Kulturneutralität“ gleichzusetzen ist (18). Aufbauend auf einer Theologie des Raumes plädiert er für eine Umgangskultur, die geprägt ist von einer Wissenskultur, in der kritisches Denken gefördert wird. Daneben braucht es eine demokratische Betriebskultur sowie eine zivilgesellschaftliche Diskurskultur (20–21). Bemerkenswert ist der Aufsatz über das viel zitierte Buch Orientalism des amerikanischen Literaturtheoretikers Edward Said (1935–2003). Es zählt zu den Hauptwerken der postkolonialen Theorie. Der 2024 in den Theologischen Beiträgen veröffentlichte Aufsatz hinterfragt die dichotome Weltsicht des Buches und damit auch die undifferenzierte Kritik der postkolonialen Theorie an interkultureller Mission.
Der zweite Teil ist überschrieben mit Interreligiöse Perspektiven. Hier werden Schwerpunkte auf religionstheologische Themen sowie den interreligiösen Dialog gelegt. W. stellt religionstheologische Ansätze vor und kritisiert neuere pluralistische Positionen als „nicht geeignet“, um interreligiöse Beziehungen fruchtbringend zu gestalten (117). Als einer der wenigen Universitätstheologen hat W. den Mut zu einem Kontroversdialog und sieht in der „Orientierung an theologischen Letztbegründungsmustern“ ein Potenzial zur Gestaltung interreligiöser Beziehungen (117). Anhand von Beispielen aus Pakistan wird praktisch dargestellt, wie ein freundlicher und informierter Dialog gestaltet werden kann (142–155). W. entmystifiziert die Aura, die den Begriff Dialog in der akademischen Welt umgibt, und ermutigt dazu, in der interreligiösen Begegnung Unterschiede zu benennen, Jesus zu bezeugen und beim religiös Anderen Interesse am christlichen Glauben zu wecken (164), statt in einer falschen Beliebigkeit zu verharren, Diese besagt, wir würden doch alle das Gleiche glauben. Der dritte Abschnitt mit dem Titel Interkulturelle Perspektiven beginnt mit einer Verortung des Fachs Interkulturelle Theologie in der universitären Landschaft. Anschließend werden theologische Themen wie der Zusammenhang von Schuld und Dämonen sowie Sünde aus der Perspektive der Interkulturellen Theologie erörtert. Theologie ist immer von Biografie, Kultur und Sprache beeinflusst. W. stellt deshalb zehn Thesen einer interkulturellen Hermeneutik vor (205–206), die vorwiegend Mitarbeitern in interkulturellen Kontexten als Orientierung zum gemeinsamen Betreiben von Theologie über kulturelle Grenzen hinweg dienen.
Das Werk schließt mit dem Abschnitt Missionstheologische Perspektiven. Nach einer kurzen Vorstellung dreier missionstheologischer Ansätze – darunter der eigene – zeigt W. die Krise der mitteleuropäischen Missionstheologie auf. Er kommt zu dem Schluss, dass nur eine klare Christologie zu einer verbindlichen Missionstheologie und damit zu einer christlichen Mission mit Profil führt (244). Hier wäre zu fragen, warum sich der Autor auf Europa begrenzt und nicht auch noch andere vorbildliche Ansätze einbezieht. Schließlich bespricht W. die These Jan Assmanns, monotheistische Religionen würden zu mehr Gewalt neigen, was zu einer Abnahme christlicher Missionsaktivität führt, da Menschen unter Zwang gesetzt werden. Doch, so die kluge Frage des Autors, woher soll diese Macht zum Zwang kommen, Menschen durch eine Einladung aufgrund eines Letztbegründungsanspruches zu bestimmten Dingen zu bewegen (253)? Alle Aufsätze des Buches halten konsequent den Letztbegründungsanspruch des biblisch begründeten Glaubens durch, was als Alleinstellungsmerkmal des Werkes gelten dürfte. Mit der Hoffnung auf eine Erneuerung in Kirche und akademischer Theologie ist dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen.
Tobias Schuckert, Bad Liebenzell
GND 1129366650
