Jan Loffeld: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz

Jan Loffeld: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Freiburg: Herder 2024, 191 S., 22 €. ISBN 978-3-451-39569-7.

Was Jan Loffeld hier aufzeigt, ist nicht neu. Gleichwohl lohnt sich das Buch. Denn Loffeld schreibt aus katholischer Sicht mit einer besonderen Schärfung durch die Erfahrungen aus den Niederlanden, bleibt dabei nicht bei einer schonungslosen Analyse stecken, sondern zeigt Wege für die Kirche auf. Dabei bescheinigt er den Verantwortlichen in den Kirchen, dass sie kirchensteuergestützt Kirchenmodelle stabilisieren wollen, die angesichts der Entwicklungen schon längst nicht mehr funktionieren. Loffeld spricht von Häutungsprozessen. Im ersten von insgesamt fünf Abschnitten räumt Loffeld mit den bekannten Strategien von Strukturreformen und Optimierungsprozessen auf. Sie reichen nicht aus und verkennen die dramatischen Entwicklungen eines „Apa-Theismus“, einer Gleichgültigkeit in religiösen Fragen, die sich zunehmend feindlich gegenüber Religion zeigt. Das erinnert an den Berliner Systematiker Rolf Krötke: „Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“ In diesem Zusammenhang setzt sich Loffeld kritisch mit der in Deutschland von Kirchenvertretern favorisierten Individualisierungstheorie auseinander. Selbst die Sinnfrage bietet keinen Anknüpfungspunkt mehr.

Im zweiten und dritten Teil geht es um pastoraltheologische Beobachtungen sowie theologische Tiefenbohrungen. Das „Abschmelzen der volkskirchlichen Polkappen“ lässt das kulturelle Gedächtnis verblassen und ein allgemeines Bewusstsein für Religion bzw. Glauben schwinden. Selbst ein utilitaristischer Zugang zu Gott verbietet sich. Gleichwohl wird die Gottesfrage „aufgrund einer persönlichen Erfahrung relevant“ (97).

Im vierten und fünften Teil entfaltet Loffeld Perspektiven für ein Christentum in der Transformation. Die zeitliche Zuordnung der Kirche ist der Karsamstag, die Erfahrung der Leere, was auch den Abschied von Liebgewordenem beinhaltet. Doch gerade in einer Situation, wo Menschen ihr Leben nach den eigenen Koordinaten ohne Gottesbezug leben, kann „Gott als nicht notwendiges Geschenk (…), aber möglich ist“ neu ins Gespräch kommen (123). Angesichts eines „Apatheismus“ geht es um die „Option Anatheismus“, Gott neu zu suchen. Damit verbindet sich die Frage nach einem „wirksamen Gott“, den Loffeld als „Unique-Seeling-Point“ benennt. Dies geschieht in einer kenotischen und postkonstantinischen Kirche. Es geht um eine „kreative Minderheit“, die sich „konstitutiv mit der Gesamtgesellschaft verbunden“ weiß (146). 

Es handelt sich hier um eine ernüchternde und gar schmerzhafte Lektüre, die nicht ohne Perspektiven und Ausblicke bleibt. Dabei wächst der Wunsch nach Praxismodellen. Ein Besuch von solchen Gemeinden in den Niederlanden oder von kirchlichen Erprobungsräumen in Deutschland können hier Einblicke gewähren. 

Dekan Dr. Martin Reppenhagen, Ettlingen

GND  136388647