Christel Gärtner, Georg Lämmlin, Stefanie Lorenzen, Gerhard Wegner (Hg.): Kirchenkrise als Glaubenskrise?

Ulrich H. J. Körtner: Theologische Exegese. Bibelhermeneutische Studien in systematischer Absicht, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2022, 340 S., 45 €. ISBN 978-3374071753.

Die Frage nach der Stabilität von Kirche lässt sich spätestens mit den letzten beiden Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen von 2012 (KMU V) und 2022 (KMU VI), deren Ergebnisse hier aufgenommen werden, nicht mehr so leicht positiv beantworten. Ob mit der damit einhergehenden Krise der Kirche auch eine Glaubenskrise verbunden ist, gilt weiterhin als umstritten und wird zwischen Vertretern der Säkularisierungsthese und der Individualisierungsthese debattiert. Dabei lässt der Titel des hier zu rezensierenden Sammelwerkes erahnen, welcher These die hier zu findenden Verfasser eher zuzuordnen sind. Dafür steht auch Detlef Pollack mit seinem Schlussbeitrag. 

In fünf thematischen Abschnitten mit je­weils mehreren Artikeln geht es um „Gene­se und Geltung des Glaubens“, um die gesellschaftliche Verortung von Kirche, um religiöse Bildung in RU, KU und Familie, um verschiedene Bereiche kirchlichen Handelns sowie kirchlicher Prozesse. Dabei werden auch die auf Grundlage von KMU VI benannten Handlungschancen kritisch nach ihrer Nachhaltigkeit im Sinne einer stärkeren Kirchenbindung hin­terfragt. 

Dies ist gewiss nicht einfach zu beantworten, gilt doch die Kommunikation des Evangeliums als zweckfrei. Gleichfalls wird angesichts der Krise von Kirche nach „Reproduktions- oder Aneignungsprozessen“ von Glauben gefragt. Dabei zieht sich die Zentralstellung des Glaubens wie ein roter Faden durch alle Beiträge. Wie steht es um die Weitergabe des Glaubens, wenn klassische Orte christlicher Sozialisation wegbrechen? Hier erweist sich die „Gelegenheitskommunikation“ als möglicher Weg, was auch für die Schnittstelle zwischen Kirche und Diakonie gesagt werden kann. 

Dass kirchliche Jugendarbeit einen prägenden Einfluss auf den Glauben und die Kirchenbindung hat, wird prominent herausgestellt und wiederholt betont, ohne dabei zu übersehen, dass es nach der KU und RU zu einer zunehmenden Distraktion von Kirche und Glauben kommt. Hier zeigt sich die Bedeutung von Übergängen zwischen Jugend- und Erwachsenenarbeit. Dabei schwanken die Darstellungen zwischen dem Herausstellen positiver Effekte kirchlichen Handelns und der Warnung vor zu hohen Erwartungen. „Auch Studien zum Religionsunterricht stellen die kirchlichen Handlungsmöglichkeiten heraus, so gering sie auch sein mögen.“ Zum kirchlichen Handeln gesellt sich die nüchterne Einschätzung. 

Es bleibt die Frage und Herausforderung, wie sich eine traditionell als Volkskirche aufgestellte Kirche, die eine schier ungebrochene „Allzuständigkeit bei Lebenskrisen und Schnittpunkten des Lebens“ mit flächendeckender Präsenz hatte, mit sich gravierend ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zukunftsträchtig aufstellen kann. Der geneigte Leser findet in diesem Sammelband dazu umfängliche Analysen und Impulse. 

Dekan Dr. Martin Reppenhagen, Ettlingen

GND  136388647

erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5