Jens Herzer: Die Briefe des Paulus an Timotheus und Titus (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament Band 13), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2024, 68 €. ISBN 978-3374075904.
Jens Herzer, Professor für Neues Testament in Leipzig, legt mit diesem Kommentar nicht nur einen gründlichen exegetischen und theologischen Kommentar zu den sogenannten Pastoralbriefen (1. Timotheusbrief, 2. Timotheusbrief, Titusbrief, im Folgenden 1 Tim, 2 Tim, Tit) vor, er legt auch überzeugend dar, wie sich der Tit und der 2 Tim sinnvoll in der Biographie (Tit auf dem Weg nach Nikopolis auf der Romreise, 2 Tim während der Gefangenschaft in Rom) und der Theologie des Paulus verorten lassen. Flankiert und entlastet wurde der Kommentar durch umfangreiche Vorarbeiten des Autors, die unter dem Titel „Die Pastoralbriefe und das Vermächtnis des Paulus“ (WUNT 476, Tübingen 2022) erschienen sind und die langjährige Beschäftigung Herzers mit diesen Briefen dokumentieren. Herzer sieht (im Gefolge einer These Schleiermachers!) die Wahrnehmung von 2 Tim und Tit als zu dominant vom 1 Tim her bestimmt – fallen in diesen beiden Schreiben Stichworte, die man aus 1 Tim kennt, werden sie auch in dessen Kontext gelesen. Auch die Bezeichnung „Pastoralbriefe“ verdankt sich dieser Lesart. Während Herzer für den 1 Tim nichtpaulinische Verfasserschaft annimmt (sollte nicht in einer Zeit, in der mit Wahrheit und Lüge leichtfertig umgegangen wird, ein anderes Wort für „Pseudepigraphie“ gefunden werden, wenn wir von der verbindlichen Heiligen Schrift sprechen?), gibt er gute Gründe dafür an, 2 Tim und Tit für paulinisch zu halten. Da es schwierig ist, sich gegen den Konsens zu stellen, der die nichtpaulinische Verfasserschaft mehr behauptet oder wiederholt statt sie aus dem Text zu belegen, wendet sich Herzer Schritt für Schritt den Gegenargumenten zu, von der Vielzahl der hapax legomena über stilistische Unterschiede zu den anderen Paulusbriefen, der Frage nach einer gerne angenommenen Paulusschule bis zu der Frage nach den Gegnern. Das tut er wohltuend unpolemisch im Gegensatz zur Diskussion der letzten 150 Jahre, die die Verfasserschaft zur Bekenntnisfrage erhob oder die Annahme paulinischer Verfasserschaft wahlweise als Ausdruck mangelnder Wissenschaftlichkeit oder im Dienste der Apologetik verstand.
Man merkt dem Kommentar an, dass er seine Thesen aus der sorgfältigen Exegese gewinnt. 28 Exkurse vertiefen das Verständnis in Querschnittsuntersuchungen sowohl der drei Briefe als auch des neutestamentlichen Kontextes sowie des paganen Umfelds. Herzer zeigt auf, dass gleiche Worte in 1 Tim wie 2 Tim/Tit nicht für das gleiche Verständnis oder einen gleichen Verfasser sprechen müssen. Vielmehr präzisiert der Kontext die Bedeutung des Wortes (z. B. Frömmigkeit 77ff, zu den Mythen 113ff, zum Gewissen 198ff oder Vermächtnis 226ff). Pars pro toto: das Verständnis der „Mythen“ (1 Tim 1,4; 4,7; 6,20) bezog sich bisher stets – 1 Tim 6,20! – auf die Gnosis und prägte die Exegese der beiden anderen Schriften; hingegen zeigt der Kontext in Tit 1,14, dass dort jüdische Mythen gemeint sind.
Herzer eröffnet dem Leser ein faszinierendes Kapitel der Geschichte des Paulus im Rahmen der Geschichte des Urchristentums einschließlich der Rezeption der Paulusbriefe.
Bezüglich der Wirkung der sog. Pastoralbriefe in der kirchlichen Praxis wäre ich gegenüber Herzer verhalten optimistisch; 1 Tim 3,16; Tit 2,11–14 und Tit 3,4–7 gehören zu den Predigtperikopen in der Weihnachtszeit (wie Herzer auch notiert) – und von der Gestalt des angefochtenen Glaubens im Kraftfeld des Heiligen Geistes mit den Charismen Kraft, Liebe und Besonnenheit profitiert nicht nur die evangelische Kirche. Im ersten Corona-Sommer wiesen vor den großen City-Kirchen in Kiel und Hamburg große Banner auf „Kraft“, „Liebe“ und „Besonnenheit“ hin.
Herzers gründliche Exegesen eröffnen nicht nur neue Blicke auf die Schreiben, sie ermutigen auch zur Predigt und zum Leben in der „Wahrheit des Evangeliums“(80).
Pfr. Dr. Siegfried Meier, Wetzlar
GND 129289647
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5
