Ulrich H. J. Körtner: Theologische Exegese. Bibelhermeneutische Studien in systematischer Absicht

Ulrich H. J. Körtner: Theologische Exegese. Bibelhermeneutische Studien in systematischer Absicht, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2022, 340 S., 45 €. ISBN 978-3374071753.

Am Ende der XIV. der mit römischen Ziffern versehenen 14 Studien des Sammelbandes weiß Ulrich H. J. Körtner sich in der Auslegung von Gal 2,20 einig mit Paulus, Luther und Bultmann. Auch sonst bezeugen die, teils den Begriff der Bibelhermeneutik bestimmenden, teils biblische Texte diesem Begriff gemäß auslegenden Überlegungen, dass ein unaufgebbarer und jederzeit aktualisierbarer Kern christlicher Theologie existiert. Dessen Aktualität erhellt z. B. aus Körtners Kritik biotechnologischer Perfektionierungsträume: „Theologisch gesprochen ist es der alte Mensch, der einen neuen Menschen nach seinem Bilde und seinen Visionen schaffen will“ (IX, 201).

Tragend ist der sich durch fast alle Texte ziehende Rekurs auf Bultmanns existenziale Interpretation, die für den jüngsten (gemäß Erstveröffentlichung) Beitrag X titelgebend ist. Eine Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil Körtner Bultmanns Ansatz luzide erläutert und Auskunft gibt über dessen Aktualität und Grenzen. Zu letzteren gehört ein Verständnis der metaphorischen Sprache des Mythos, welche von deren prinzipieller Ersetzbarkeit ausgeht und so „dem Reduktionsverfahren der … liberalen Theologe verhaftet“ (XII, 284) bleibt. Dagegen setzt Körtner im Anschluss an Ricoeur und Blumenberg die absolute Metaphorik, welche christliche Theologie zwischen Mythos und Metaphysik und christliche Rede „spannungsreich zwischen Vergleich und Proposition“ (XII, 289) verortet und es ermöglicht, irreduzibel zu sagen „als was Gott ist“ (XII, 289).

Gott zur Sprache bringen ist das Ziel „theologischer Exegese“, „die im Glauben als der Beziehung zum Gegenstand, zur Offenbarung, klarstellt, was die Schrift sagt“ (Bultmann, nach X, 209). Sie verfährt sachgemäß (und damit „objektiv“) nur dann, wenn sie „subjektiv“ die Teilnehmerperspektive einnimmt, was Körtner u.a. gegen eine Transformation der Theologie zur Kulturwissenschaft oder Religionstheologie in Stellung bringt (vgl. I, 42). Teilnehmer ist, wer sich von Gott angesprochen weiß, sodass die Auslegung zur Selbstauslegung, das auslegende Subjekt samt seiner Welt zum von Gott her bestimmten Objekt und Selbstbestimmung zur Anerkennung dieses Bestimmtseins wird (vgl. I, 28). 

Das ist eine von vielen Einsichten des Bandes, die zum Weiterdenken einladen: In der skizzierten unauflöslichen Verschränkung von Subjektivität und Objektivität scheint mir gerade die subjektive Betroffenheit vor Subjektivismus zu schützen, sofern sie ja betroffen ist durch die Heilige Schrift, welche zwar das Christusereignis plural interpretiert (wie mit Lührmann gegen einen einheitlichen Kerygma-Begriff anzuführen ist, vgl. XIII, 298) und ihrerseits plural interpretiert wird, aber als verbindlicher Kanon allen gilt. Jenseits des Mediums der Schriftauslegung droht subjektive Betroffenheit zur allgemeinreligiösen Gefühlsbetroffenheit zu werden, die dann willkürlich subjektivistisch und darum nicht mehr ohne Weiteres gemeinschaftsbildend bzw. gemeinschaftstragend ist. Im Blick auf die Pluralität innerhalb der Kirche wird man daher auf die Schriftgebundenheit dieser Pluralität zu achten haben – nur so sind Gemeinden kein heterogenes Sammelsurium (wo man sich nur noch schweigend „stehen lassen“ kann), sondern bilden wie die paulinischen Gemeinden eine eigene, transkulturelle Identität aus (vgl. VIII, 161).

Wie menschliches Verstehen theologisch aufgehoben ist im Verstehen des Verstandenseins durch Gott, so schöpft auch menschliches Handeln aus einer von Gott vorgegebenen Realität. Die Ethik des Apostels Paulus wurzelt laut Körtner nicht unmittelbar im Glauben (als Kraft zu einem dann doch wieder subjektiv zu verantwortenden sittlichen Leben, vgl. V, 117, Anm. 119), sondern (freilich vermittelt durch den Glauben) im christologisch bestimmten und pneumatologisch vergegenwärtigten eschatologischen Horizont: Aus der angebrochenen Zukunft des Herrn lebend, setzen wir nicht dessen Handeln fort, sondern nehmen es in Anspruch – etwa beim Einsatz für Versöhnung und Gerechtigkeit (III, 74), aber auch beim Bitten um Vergebung. Dass die tägliche Vergebungsbitte nicht im Widerspruch zur Rechtfertigung des Sünders steht, sondern durch Schulderkenntnis infolge des Glaubens an die eschatologische Vergebung allererst ermöglicht ist, zeigt Körtner in Beitrag IV.

Gottes unhintergehbare Subjektivität in seiner Offenbarung (Abgesänge auf die Wort-Gottes-Theologie hält Körtner für verfrüht, vgl. I, 15) führte bei Bultmann zu einem Verständnis natürlicher Theologie als „Interpretation der vorgläubigen Existenz vom Glauben aus“ (X, 220). Freilich ist Glaube „kein innerweltliches Phänomen“ (X, 222) und das durch ihn ermöglichte Verstehen ein unverfügbares (vgl. X, 223), in welchem „das vorgläubige Verstehen als überwundenes präsent bleibt“, weshalb Körtner „für eine theologische Hermeneutik des Unverständnisses als Basis theologischer Schriftauslegung“ (X, 227) plädiert. Anders als Bultmann sieht Körtner Gott freilich nicht mehr „im Modus der Frage nach ihm immer schon präsent“, weshalb die Möglichkeit, von Gott zu reden „an der Erinnerungsspur der biblisch bezeugten Gottesoffenbarung“ (X, 228) hängt. Diese „lebendig zu halten, ist die Aufgabe theologischer Schriftauslegung in dürftiger Zeit“ (X, 229). 

Auch wenn im Beitrag zum Liebesbegriff die angekündigte Anreicherung der Agape durch Eros und Philia (vgl. VI, 132ff) m. E. nur rudimentär ausgeführt wird und ich mir eine klarere Explikation des Verhältnisses der Gerichtsvorstellungen in 2 Kor 5 und 1 Kor 3 gewünscht hätte (vgl. V, 116ff), kann ich die Lektüre des Sammelbandes (besonders der Beiträge I, IX, X, XII und XIV) nur nachdrücklich empfehlen, zumal die versammelten Texte multiperspektivisch Aktualität und kritisches Potenzial jener Glaubenserfahrung vorführen, die uns Gott in Jesus Christus durch seinen Geist schenkt.

Dekan Dr. Christoph Glimpel, Neulingen

GND 1130811263

erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5