Detlef Hiller, Daniel Straß (Hg.): Morphologie der Übermoral. Zum Moralismus in gesellschaftlichen und theologischen Debatten, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2023, 212 S., 29 €. ISBN 978-3-374-07332-0.
Michael Bröning: Die Hetzer sind immer die anderen. Anstiftung zum Verlassen des Meinungsbunkers, Berlin: Verlag am Park, 127 S., 16 €. ISBN 978-3-89793-387-3.
„Öffentliche Diskussionen beruhen auf der Selbstverständlichkeit, dass jeder Teilnehmer dem anderen respektvoll zuhört, dessen Argumente ernst nimmt, abwägt und auch bereit ist, sich vom besseren Argument des anderen überzeugen zu lassen. Am öffentlichen Diskurs beteiligt sich mittlerweile die Figur des ‚moralisierenden Missionars‘. Er will gar nicht sachliche Erwägungen austauschen und seinem Gegenüber zuhören. Er vertritt nur seine vorgefasste Meinung in der sicheren Überzeugung, dass sie die einzig richtige ist und gegensätzliche Auffassungen falsch sind.“ So schrieb es der frühere Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof am 12. Juni 2025 in der FAZ.
Im Folgenden soll nun auf zwei Veröffentlichungen verwiesen werden, die der Moralisierung moderner Debatten in polykrisenhaften Zeiten nachgegangen sind. Doch wer von Übermoral spricht, so der Titel des Tagungsbandes, findet sich sogleich in einem Dilemma. Denn selbst wo alle Kennzeichen einer Moralisierung sich zeigen, weiß sich der Moralisierende doch in einem moralischen Recht und auf der Seite der Guten. „Wir können uns schwer widersetzen, wenn uns Überzeugungen im Lichte des Guten präsentiert werden.“ Doch wo verläuft die Grenze zwischen (berechtigter) Moral und einer (fälschlichen) Moralisierung?
Der Spur der Moralisierung folgend findet der geneigte Leser besonders in den beiden grundlegenden Artikeln zu Beginn des Sammelbandes viele Beobachtungen und Einordnungen, die gekonnt mit aktuellen Prozessen illustriert werden. Vertiefend geschieht dies durch Verweise auf eine geänderte Debattenkultur, die sich weniger an Sachfragen und mehr an Identitäten orientiert. Wichtiger wird, nicht was gesagt wird, sondern wer es sagt.
Es folgen Artikel, die anhand von Einzelthemen der Spur der Moralisierung folgen. Hier sind vor allem zu nennen der Diskurs um Kirche, Islam und Gesellschaft oder das Portrait der Pharisäer sowie die Heilsversprechen in der Umwelt- und Klimabewegung.
Dabei bleiben die Hinweise auf theologische Antworten nicht aus – sei es durch den Hinweis auf die (neue) Herausforderung eines Transzendenzglaubens, auf das Aufrichten im Gottesdienst sowie die Bedeutung des Gemeindlichen. Zwar gibt es Ähnlichkeiten zwischen identitätspolitischen Gruppen und christlicher Gemeinde. Doch im Unterschied zu diesen ist Gemeinde kein menschlicher Schöpfungsakt, sondern extra nos durch Gottes Versöhnungshandeln begründet.
Wer sich angesichts einer spätmodernen Debattenkultur wissenschaftlich vertiefend informieren will und nach theologischen Antworten sucht, wird hier fündig werden.
Schwingt bei der Moralisierung stets das Streben nach einer Delegitimierung des Andersdenkenden mit, wirbt Michael Bröning, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in New York und Mitglied der Grundwertekommission der SPD, mit seiner Sammlung von 21 Essays für das Verlassen des eigenen „Meinungsbunkers“ und für die Anerkennung, „dass konträren Einschätzungen bisweilen durchaus legitime Interessen zugrunde liegen“. Provozierend bringt er es auf den Punkt: „Die Hetzer sind immer die anderen“. Es geht ihm um den demokratischen Diskurs, der vom Widerspruch lebt. Dabei ist er es selbst, der angesichts einer schier inflationären Alternativlosigkeit in Politik und Gesellschaft den Widerspruch zu den „heißen“ Themen wagt – von der Klimadebatte bis hin zum Dekolonialismus.
Weder der Faschismusverdacht noch die stete Ausrufung eines Kulturkampfs, wenn andere anderer Meinung sind, helfen einer Demokratie in krisenhaften Zeiten weiter – auch die zunehmende Moralisierung nicht. Waren es in früheren Zeiten die Rechten, die sich auf Moral beriefen und dafür von den Linken scharf angegangen wurden, sind es nun die Linken, die sich auf Moral und Recht berufen, wie Bröning vermerkt.
Zweifelsohne werden die knapp 130 Seiten nicht jedem gefallen und zum Widerspruch reizen. Doch auch da wäre viel gewonnen – besonders dann, wenn sich zum Widerspruch die Selbstkritik gesellt. Denn Bröning folgend lebt Demokratie von beidem.
Gewiss handelt es sich hier nicht um ein wissenschaftliches oder theologisches Buch. Die kurzen Beiträge reißen an, verlangen nach einer Vertiefung. Gleichfalls sei es jedem empfohlen, der sich kirchenleitend oder als Christ in einem freiheitlichen Diskurs politisch äußert. An dieser Stelle sei auch auf die ausführlichere Rezension von Annette Weidhas (EVA Leipzig) in der Theologischen Literaturzeitung verwiesen.
Dekan Dr. Martin Reppenhagen, Ettlingen
GND 136388647
erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5
