Ephraim Radner: Mortal Goods. Reimagining Christian Political Duty

Ephraim Radner: Mortal Goods. Reimagining Christian Political Duty, Grand Rapids: Baker Academic 2024, 280 S., 34,65 €. ISBN 978-1540963802.

Mit seinen theologischen Interventionen ist der anglikanische Theologe Ephraim Radner im anglophonen Diskurs schon lange eine bekannte Größe. Radner, Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters, wandte sich mit 14 Jahren dem christlichen Glauben zu und arbeitete nach dem Studium als Missionar in Burundi. Er wirkte als Priester und lehrte bis zu seiner Emeritierung Historische Theologie am Wycliffe College der Toronto School of Theology. Radners zahlreiche Veröffentlichungen, die im weitesten Sinne in der Strömung der Postliberal Theology anzusiedeln sind (Studium und Promotion in Yale), gelten als notorisch schwierig und sorgten immer wieder für Aufregung. Doch kein Geringerer als Rowan Williams erkannte in ihm einen “theological essayist of near-genius.” 

Mortal Goods ist das vielbesprochene, politische Nachfolgewerk von A Time to Keep (2016), worin sich Radner mit der Axiomatik menschlicher Begrenztheit auseinandersetzt. Es ist erwachsen aus einem Brief, den er während der Pandemie für seine Kinder schrieb, in dem er die Struktur gelungenen christlichen Lebens darzulegen versuchte. Die grundlegende These: das Leben ist endlich, es geht darin in erster Linie um die Pflege der Mortal Goods – also der irdischen, geschöpflichen Gegebenheiten von Geburt, Körper, Arbeit, Kinder, Leiden, Tod usw. – die es in Demut in Empfang zu nehmen und in Dankbarkeit dem Schöpfer zurückzugeben gilt. Der Fokus auf diese primären Realitäten ist der Avodah Hashem, der politische Gottesdienst des Christenmenschen. 

Damit will Radner an jene politische Tra­di­tion christlicher Existenz anknüpfen, gegen die Marx ein Leben lang polemisiert hat: die der relativen politischen Indifferenz. Der Au­tor nennt es auch “peasant existence” (die Ex­istenzform des historischen Bauerntums), wo­rin es in erster Linie darum ging, das Leben zu überleben, gerade weil der Weltenlauf als ein Aufeinanderfolgen von Katastrophen (“catastrophic politics”), und die Güter des Lebens als kontingent und flüchtig erfahren wurden. Im Kontext der Moderne, ihrem Fortschrittsdogma und ihrer Illusion von Stabilität, sei diese Perspektive verloren gegangen, entsprechend auch der gesunde Umgang mit Verlusterfahrungen (vgl. auch Andreas Reckwitz’ einschlägiges Buch). 

Das Buch wirbt damit einerseits für einen christ­lichen politischen Pessimismus, was mensch­liche Einflussmöglichkeit in den Polykrisen der Gegenwart anbelangt, andererseits für ein geistliches Wiederaufleben alttestamentlicher Weisheit. Es schreibt an gegen das allgegenwärtige Dogma, wonach ein Leben nur dann als gelungen bezeichnet werden kann, insofern es einen Unterschied in der Welt machen konnte. Dieser totale Imperativ, der einer Generation mit nie zuvor dagewesenem globalem Bewusstsein eingeschärft wird, zerstört ihr Verhältnis zur Schöpfung, zur Zeitlichkeit und zu sich selbst. Man kann dieses Buch also lesen – ohne ihm zustimmen zu müssen – als eine historisch informierte, thesenreiche Auseinandersetzung mit dem spätmodernen Lebensgefühl des Ungenügens und der Verzweiflung an der Welt. 

Dass sich Radner mit dieser Veröffentlichung in eine prekäre, ja unmögliche Position manövriert hat, zeigt sich schon daran, dass er sowohl von progressiver wie auch von frommer Seite Kritik einstecken muss. Der pietistischen theologischen Intuition wird hier viel zu wenig vom neuen Leben in der Kraft der Auferstehung Christi gesprochen. Der engagierten Theologie, bspw. Moltmann’scher Prägung, wird diese politische Ethik geradezu verantwortungslos erscheinen. Radner weiss darum, und löst mit diesem provokativen Beitrag eine notwendige Debatte aus. Aus diesen und weiteren Gründen ist dieses intelligente, in existenziell aufwühlender Prosa geschriebene Buch, das es niemandem recht machen wird, unbedingt zur Lektüre zu empfehlen. 

Daniel N. Herrmann, M. Th., Bern

erschienen in: ThBeitr 56, Heft 25–5